Harte Arbeit statt Flucht in die Größe
Vorerst keine Großfusionen im Musikmarkt

Traurige Zeiten: In Belgien wurden mit 30 Millionen Stück erstmals mehr Leer-CD verkauft als Musik-CD mit 21 Millionen Stück.

Nach Meinung des belgischen Branchenverbandes werden 40 % der Blanko-CD für Musik-Raubkopien verwendet. Und seit es Napster im Internet gibt, braucht man noch nicht einmal einen CD-Brenner, um die Musiksammlung auf dem neuesten Stand zu halten. In den USA ist der Verkauf von Singles um 39 % zurückgegangen, und in Deutschland fällt der Umsatz der Tonträger-Industrie seit drei Jahren.

Das liegt sicher nicht daran, dass Musik ihre Anziehungskraft verloren hat. Als Megastar Madonna in Deutschland die Kartenpreise für ihre Shows in dreistellige Höhen schraubte, war der Aufschrei groß - und doch wurden die Karten gekauft wie verrückt.

Es hat sich also fundamental etwas geändert. "Zum erstenmal ist eine Technologie über diese Branche hereingebrochen wie ein Naturereignis", urteilt Ralf Plaschke, Geschäftsführer der Poponline GmbH, Betreiber des Online-Auftritts der weltweit renommierten Musikmesse Popkomm in Köln. Früher wurden die Übergänge - etwa von Vinyl auf CD - gezielt gesteuert. Heute hechelt die Branche nur noch hinterher. Ob CD-Brenner oder Internet-der Verbraucher hat die Macht übernommen. Er will mitbestimmen, was er wann und wo hört. Und er kann es auch. Gewinner dieser Entwicklung werden die Unternehmen sein, die dies akzeptieren, direkt mit den Kunden kommunizieren und sich auf deren Bedürfnisse einlassen. Das ändert fundamental die Art, wie in Zukunft mit Musik Geld verdient wird. Nur weiß leider noch keiner so genau, wie das sein wird. "Der direkte Zugang zum Kunden ist der Schlüssel", predigt aber Vivendi-Universal-Chef Jean Marie Messier, Shootingstar der Musikbranche.

Gleichzeitig ist den Firmen die Herrschaft über die Produktionsmittel abhanden gekommen. Die Musikstilrichtungen Dance und Hip-Hop zeigen heute, wie jedermann preiswert professionell produzieren kann. Auch werden die Zielgruppen kleiner, die Geschmäcker verschiedener. Immer weniger CD können die Verkaufsmarke von 1 Millionen Einheiten überspringen. Die Folge sind sinkende Gewinnmargen.

Die einfachste Lösung für die Unternehmen wäre, sich zu immer größeren Einheiten zusammenzuschließen, so wie es die Bertelsmann-Tochter BMG und ihr britischer Konkurrent Emi versucht haben. Das hilft, Kosten zu reduzieren. Doch die Brüsseler Wettbewerbshüter haben dem eine klare Absage erteilt. Da in der Branche die fünf größten Unternehmen faktisch mehr als drei Viertel des 40 Milliarden Dollar schweren Musikmarktes kontrollieren, ist den Kartellwächtern der Konzentrationsgrad bereits heute viel zu hoch. Die Musikriesen werden sich also jeder für sich mit der Situation auseinander setzen müssen.

Sie müssen ihre neue Rolle finden, also Mittler zwischen Kunden und Künstlern werden, Dienstleister in beide Richtungen. Die Emi-Manager, die-symbolträchtig am Tag der Arbeit - ihre Fusionspläne mit Bertelsmann gekippt haben, haben also, genau wie ihre Kollegen, eine Menge zu tun. Die Chancen, dass die Branche überleben wird, sind aber gut. Genauso wenig wie der Videorekorder einst die Kino- und Filmindustrie ruiniert hat, wird das Web die Musikunternehmen ruinieren. Wenn sie flexibel sind.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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