Harte Botschaften von Condoleezza Rice
USA verschärfen Drohungen gegen Iran

Die Frau hat Selbstbeherrschung. Mit keinem Wimpernschlag verrät US-Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice, wie viel Zündstoff sie in einer Frage wittert: Werden die deutsch-amerikanischen Beziehungen jemals wieder an die Vertrautheit alter Tage anknüpfen? "Beide Staaten können auf eine fruchtbare Zeit zurückblicken, zum Beispiel bei der Wiedervereinigung", sagt sie im Gespräch mit dem Handelsblatt. Es klingt wie ein Ausweichmanöver.

WASHINGTON. Wer sich in Washington derzeit nach dem transatlantischen Verhältnis erkundigt, wird mit weitschweifigen Antworten über die glorreiche Vergangenheit abgespeist. Von Perspektive ist dabei kaum die Rede. Auch Rice hat der Geschichte in ihrem Büro im Westflügel des Weißen Hauses einen besonderen Platz zugewiesen. In einem der Regale steht ein gerahmter Artikel aus der "New York Times": "Deutsche gewinnen ihre Souveränität", heißt die Schlagzeile aus dem Jahr 1990. Für Rice war es eine historische Glanzzeit. Von 1989 bis 1991 bekam sie als Direktorin der für die Sowjetunion und Osteuropa zuständigen Abteilung im Nationalen Sicherheitsrat des damaligen Präsidenten George Bush den Zusammenbruch des Kommunismus hautnah mit.

Doch der Muster-Alliierte Deutschland ist ebenso passé wie die Ära des Kalten Krieges. Zwischen dem transatlantischen Schulterschluss eines Helmut Kohl und dem auf mehr nationales Selbstbewusstsein pochenden Gerhard Schröder liegen Welten. "Natürlich waren wir enttäuscht über die Reaktion der Bundesregierung während des Irak-Konflikts", räumt die Sicherheitsberaterin ein. "Dies lag daran, dass wir von unserem Bündnis und unserer Freundschaft sehr viel erwartet hatten." Und nüchtern fügt sie hinzu: "Wir hatten schwierige Zeiten, aber diese werden wir überwinden."

Musterbeispiel an emotionaler Intelligenz

Das klingt pragmatisch - die Ratio hat eine Schutzhaut über die politischen Wunden gezogen. Ob ihr Chef George W. Bush jemals wieder einen persönlichen Draht zu Schröder entwickeln kann? "Man muss abwarten", sagt Rice lapidar. Viel Hoffnung schwingt da nicht mit - diplomatische Höflichkeit soll offenbar die harte Realität übertünchen. Das Trauma des Bush-Hitler-Vergleiches der ehemaligen Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin wirkt nach. Bei dem Eklat wenige Tage vor der Bundestagswahl 2002 habe das gesamte Weiße Haus vor Wut geschäumt, heißt es. Der Sicherheitsberaterin blieb es vorbehalten, die politischen Konsequenzen in eine Formel zu pressen: "Die deutsch-amerikanischen Beziehungen sind vergiftet", polterte sie damals in einem Aufsehen erregenden Zeitungsinterview. Dass die zierliche 48-Jährige auch austeilen kann, verrät ein Footballhelm in einem der Wandschränke ihres Büros.

Rice ist ein Musterbeispiel an emotionaler Intelligenz. Sie kann charmant sein, aber auch unterkühlt analysieren, womit sie gelegentlich polemische Ausreißer einiger Mitglieder der Bush-Regierung abdämpft. Der Präsident weiß die Dienste der studierten Politikwissenschaftlerin zu schätzen. Rice hat nicht nur als Dozentin an der angesehenen Stanford-Universität eine Blitzkarriere hingelegt. Sie ist als farbige Vorzeigefrau aus der einstigen Rassistenhochburg Alabama zudem die Verkörperung des von Bush so viel beschworenen amerikanischen Traums. Die Sicherheitsberaterin besitzt ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit. Zu Beginn hatte sie den Ruf, liberales Gegengewicht im konservativ geprägten Weißen Haus zu sein. Doch inzwischen gilt sie als Hardlinerin, die allenfalls mit Weichzeichnern arbeitet. Zwei große Fotos hängen in ihrem Büro: Eines zeigt sie im Gespräch mit Bush, ein anderes mit Vizepräsident Dick Cheney. Beide Bilder machen deutlich, aus welcher Richtung der politische Wind weht.

In der Regierung besetzt Rice eine Doppelrolle. Einerseits ist sie das Sprachrohr des Präsidenten, das auch harte Botschaften mit grazilem weiblichem Charme verkünden soll. So war es etwa bei der Kampagne vor dem Irak-Krieg. Zum andern spielt sie den Part der Vordenkerin wie bei der Diskussionen über das US-Raketenabwehrsystem und dem für Russland schmerzlichen Ausstieg aus dem ABM-Vertrag. Auch der Begriff "Neue Bedrohungen im 21. Jahrhundert" trägt die Handschrift der Sicherheitsberaterin.

Nach dem Irak nimmt die US-Regierung nun Iran ins Visier. Und Rice kämpft in dem neuen Krieg der Worte an vorderster Front. Die Frage, ob der Präsident einen Regimewechsel in Teheran anstrebe, beantwortet sie zunächst verklausuliert: "Das iranische Regime sollte anfangen, wie eine gewählte Regierung aufzutreten, die auf die Wünsche der Bevölkerung Rücksicht nimmt." Aber Condoleezza Rice lässt auch ein knallhartes Urteil folgen: "Iran verfolgt eine aggressive Politik". Die Argumentationskette der Sicherheitsberaterin erinnert stark an die amerikanischen Rechtfertigungsversuche vor dem Angriff auf den Irak. Sie geißelt das iranische Regime, das "die Sehnsucht der Bürger nach Frauenrechten und Modernisierung der Gesellschaft" unterdrücke. Stattdessen würden die Mullahs weltweit den Terrorismus unterstützen. Und die "so genannte friedliche Atomforschung" sei nur ein gigantisches Verschleierungsprogramm für den Bau von Nuklearwaffen.

Das Gespenst eines bevorstehenden Waffengangs scheint Rice gleichwohl verscheuchen zu wollen: "Wir müssen mit Russland und der EU die Weitergabe von nuklearem Material unterbinden", fordert sie mit Blick auf Iran und Nordkorea. Und fügt sofort hinzu: "Wir dürfen nie wieder in die gleiche Situation kommen wie im Irak." Also kein neuer Krieg? Stattdessen mehr politischer und wirtschaftlicher Druck? Was die Sicherheitsberaterin von George W. Bush genau meint, bleibt unklar. Doch die Drohung bleibt.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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