Harte Daten aus der Industrie
HB-Eurokonjunktur-Indikator: Talsohle wird im zweiten Quartal erreicht

Eine Konjunkturwende in den ersten drei Monaten ist nahezu ausgeschlossen. Das zeigt der Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator. Die mehr als reichliche Liquiditätsversorgung und steigende Renditen am Kapitalmarkt geben mittelfristig klare Aufschwungsignale. Trotz sinkender Preissteigerungsrate steigen aber auch die Inflationsrisiken.

HB DÜSSELDORF. Der Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator ist auch im Januar nochmals gesunken und liegt jetzt bei 0,7 % nach 0,9 % im Dezember. Eine Konjunkturwende im ersten Quartal erscheint damit unrealistisch, zumal die Industrieproduktion bis zuletzt weiter gesunken ist. Es gibt aber erste Anzeichen dafür, dass die Talsohle im zweiten Quartal erreicht werden könnte: Zumindest die Stimmung von Verbrauchern und Unternehmern hat sich im Dezember erstmals seit einem Jahr wieder verbessert. Auch die starke Ausdehnung der Geldmenge ist, zumindest auf mittlere Sicht, ein Aufschwungsignal. Noch im dritten Quartal 2001 war das Bruttoinlandprodukt (BIP) in der Euro-Zone auch nach revidierter Rechnung nur um 0,1 % gegenüber dem Vorquartal gewachsen, teilte das EU-Statistikamt Eurostat gestern mit. Im Vergleich zum Vorjahresquartal betrug der Zuwachs 1,4 %, ursprünglich waren 1,3 % errechnet worden.

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Die verbesserte Stimmung in Euroland wird durch den erstmaligen Anstieg des Konsumentenvertrauen im Dezember auf-10 von-12 Punkte illustriert. Zuvor war der Index zwölf Monate in Folge gesunken. Ein Aspekt der zu Grunde liegenden Befragung, die Einschätzung der aktuellen Wirtschaftslage, wurde allerdings von den Verbrauchern nochmals etwas schlechter eingeschätzt als im Vormonat. Optimistischer werden dagegen die Zukunftsperspektiven beurteilt. Dieser Teilindex stieg auf-14 nach-17 Punkten. Hier mag neben dem sich abzeichnenden Ende des Afghanistan-Krieges auch die Euro-Einführung psychologisch unterstützend gewirkt haben. Inwieweit sich die bessere Stimmung auch in steigenden Konsumausgaben niederschlagen wird, bleibt abzuwarten. Noch lassen die Verbraucher jedenfalls keine zunehmende Bereitschaft zu größeren Anschaffungen erkennen. Dementsprechend hat sich die Stimmung im europäischen Einzelhandel als einzigem der fünf Sektoren, die in den regelmäßigen Umfragen der EU-Kommission erfasst werden, auch im Dezember nochmals verschlechtert.

Auch das Vertrauen der Unternehmer in die Zukunft hat erstmals seit einem Jahr Rückgang wieder etwas zugenommen. Der Index des Industrievertrauens stieg im Dezember auf-17 nach-18 Punkten. Unter den großen Ländern der Euro-Zone hat sich die Stimmung vor allem in Spanien und Frankreich stark verbessert, während sie in Deutschland nur geringfügig stieg und sich in Italien sogar noch weiter eintrübte.

Bei der insgesamt gestiegenen Zuversicht handelt es sich vorerst aber nur um einen Hoffnungswert, der vor allem auf den Erwartungen für die Zukunft basiert. Dagegen wurde der Trend der Produktion in den letzten Monaten wieder deutlich schlechter beurteilt als im November.

Auch die harten Daten der Industriestatistik, die derzeit für den Euroraum allerdings nur bis Oktober reichen, zeigen eine bis zuletzt stark rückläufige Produktionsentwicklung an. Nach dem Rückgang im Vormonat um 0,7 % war die saisonbereinigte Industrieproduktion im Oktober mit-1,4 % regelrecht eingebrochen. Dazu hatte vor allem die die negative Entwicklung in Deutschland beigetragen. Dort ist die Produktion auch im November erneut stark eingebrochen (siehe Länderdaten). Im Oktober war sie zudem auch in den Niederlanden (-7,3 %) und in Irland (-7,8 %) merklich gesunken.

Die Geldmenge M2 hat im November nach vorläufigen Berechnungen um 5,8 % über ihrem entsprechenden Vorjahresstand gelegen und damit ihr Wachstum gegenüber den beiden Vormonaten (jeweils 5,3 %) nochmals deutlich beschleunigt. Dies gilt ebenfalls für die Geldmenge M3, die sich mit einer Jahreswachstumsrate von 7,8 %, nach 7,4 % im Vormonat, zunehmend von dem gerade erst bestätigten Zielpfad der EZB von 4,5 % entfernt. Während dies konjunkturell zweifellos ein expansives Signal ist, wachsen damit andererseits die Besorgnisse hinsichtlich der Preisniveaustabilität.

Die EZB führt in ihrem Monatsbericht vom Dezember einige Sonderfaktoren ins Feld, die solche Befürchtungen zerstreuen sollen. Demnach verbergen sich hinter dem starken Geldmengenwachstum vor allem Portfolioumschichtungen in liquide Anlagen als Reaktion auf die Terroranschläge am 11. September. Nach Einschätzung der EZB wird das Geld nach Abklingen der Krisenstimmung wieder in längerfristige Anlagen fließen und somit die Preisniveaustabilität nicht gefährden. Auch sei die aktuelle Preisniveauentwicklung - im November sank die Inflationsrate im Euroraum weiter auf 2,0 nach 2,4 % - im Einklang mit den geldpolitischen Zielvorstellungen. Allerdings will die EZB die weitere Geldmengenentwicklung "genau analysieren".

An den Finanzmärkten war zuletzt eine Umorientierung zu beobachten. Während der variable Dreimonatszins Euribor im Dezember nochmals leicht auf 3,34 von 3,39 % nachgab, kam es am Rentenmarkt zu deutlichen Renditesteigerungen um etwa 0,3 Prozentpunkte gegenüber dem Vormonat. Die EZB führt diese Trendumkehr in erster Linie auf den Rückfluss von Finanzanlagen aus dem "sicheren Hafen" festverzinslicher Wertpapiere in Aktien und andere Anlagen zurück. Zudem deute der Renditeanstieg auch auf zunehmendes Vertrauen in dieWachstumserholung hin. Die in den Handelsblatt-Eurokonjunkturindikator eingehende und zuletzt auf 1,7 Prozentpunkte angestiegene Zinsdifferenz gibt denn auch ein eindeutig positives Konjunktursignal. Allerdings ist auch von dieser Seite her wohl erhöhte Aufmerksamkeit hinsichtlich der mittelfristigen Inflationserwartungen geboten.

Insgesamt lässt die jüngste Entwicklung des Handelsblatt-Eurokonjunkturindikators eine nachhaltige Belebung des Wirtschaftswachstums in der Euro-Zone erst im zweiten Halbjahres erwarten. Die gleitende Jahresrate des gemeinsamen realen Bruttoinlandsprodukts der zwölf Euroländer hatte im dritten Quartal 2,4 % betragen. Sie dürfte nach dem aktuellen Indikatorstand im vierten Quartal und damit im Gesamtjahr 2001 nur noch rund 1,5 % betragen und im ersten Quartal 2002 nochmals auf etwa 1 % sinken. Danach allerdings könnte sich eine unter Umständen sogar sehr deutliche Trendwende vollziehen. Insbesondere das starke monetäre Wachstum legt daher, auch mit Blick auf die mittelfristige Preisniveaustabilität, eher bereits ein vorsichtiges Umschalten auf eine restriktivere Geldpolitik als eine nochmalige Leitzinssenkung nahe.

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