Harte Zeiten für Kabelnetz-Betreiber
Verheddert im Kabel

Noch bis vor kurzem wurde die Zukunft des Fernsehkabels rosig ausgemalt. Doch nun wird immer deutlicher, dass der Kupferdraht kaum mehr in eine Goldader zu verwandeln ist. Nicht nur, dass die Aufrüstung der Leitungen zu einer Multimedia-Autobahn schon seit langem nicht mit den Ankündigungen Schritt hält. Viel schlimmer - auch die Kunden zeigen den innovativen Angeboten die kalte Schulter.

DMEuro/vwd DÜSSELDORF. Auf die neuen Betreiber kommen harte Zeiten zu, wie erste Entlassungen zeigen. Keine guten Aussichten für die Deutsche Telekom AG, ihr restliches Kabelnetz noch zu lukrativen Konditionen an den Mann zu bringen.

Dass der Bonner Konzern mit dem Verkauf an Liberty Media aus den USA gescheitert ist, wirft nicht nur seine Finanzplanung über den Haufen: 5,5 Milliarden Euro gingen durch die Lappen. Das Veto des Kartellamts wird auch als ein harter Schlag für die gesamte Branche empfunden. "Deutschland wird dadurch in Europa und vor allem gegenüber Großbritannien sehr weit zurückfallen", befürchtet Bernard Tubeille. Der Medienanalyst von Merrill Lynch ist nicht der einzige, der den Wettbewerbshütern in Sachen Liberty eine "komplette Fehlentscheidung" attestiert. Das Platzen des Deals wirke alles andere als fördernd auf die Nachfrage nach breitbandigen Kabelanschlüssen.

Der Verkauf an Liberty hätte in der Fläche eine Initialzündung bei den Verbrauchern bewirkt, meint Tubeille. Doch nun dürften sich viele beispielsweise den Kauf eines Decoders genau überlegen, wenn wegen fehlender Durchleitung andere Digital-Angebote aus weiten Teilen der Republik nicht empfangen werden könnten. Die Folgen hat umgehend Ish in Nordrhein-Westfalen zu spüren bekommen. Wegen unerwartet schwachen Kundenwachstums entlässt der junge Betreiber von 4,2 Mio Kabelanschlüssen 570 Beschäftigte - gut ein Viertel seiner Mannschaft, die noch in den vergangenen Monaten stark erweitert worden war.

Ish bietet durch Ausstattung des Kabels mit einem Rückkanal in einigen Städten bereits Hochgeschwindigkeits-Internet an. Telefonie über das Web hält man für noch nicht ausgereift, sie soll frühestens im Sommer folgen. Ish gehört mehrheitlich der US-Investorengruppe Callahan, die auch den Hauptanteil am Kabel in Baden-Württemberg mit 2,2 Mio Anschlüssen hält. Hier passt man ebenfalls die Geschäftspläne an die veränderte Lage nach dem Kartellamts-Veto an, wie eine Sprecherin sagt. Entlassungen seien zwar nicht vorgesehen, doch das Ziel, das Kabel bis Jahresende für 900.000 Haushalte der Region zu modernisieren, sei vermutlich nicht zu schaffen.

Mit Verzögerung agiert seit längerem bereits Iesy, der dritte der bislang aus dem Telekom-Kabelbesitz hervorgegangenen neuen Betreiber, in Hessen. Hier hat ein Investorenkonsortium mit der hoch defizitären britschen Kabelgesellschaft NTL das Sagen. Eigentlich hatte Iesy Rückkanäle schon 2001 geplant, doch werden die ersten nunmehr in diesen Tagen verlegt. Auch Frankfurt hätte schon längst zu großen Teilen mit dem modernisierten Kabel ausgestattet sein sollen. Nun lautet die Planung: Zunächst bis Jahresende 300.000 Haushalte in der Main-Metropole und in Wiesbaden aufrüsten. Telefonieren übers Kabel steht in Hessen erst Mitte 2003 auf dem Programm.

Iesy und Ish sind dringend auf Kundenerlöse angewiesen, um ihre teuren Investitionen wieder hereinzuholen, vor allem die Abschreibungen auf den Kaufpreis an die Telekom. Zur Zeit stecken beide tief in den roten Zahlen. Iesy etwa hat 2001 aus Erlösen von 119 Millionen Euro ein Nettoergebnis von minus 171 Millionen Euro fabriziert. Auch bei Ish übersteigt der Verlust den Umsatz. Die Frage ist, wie lange die Finanzierungsbereitschaft der Investoren noch währt.

Skeptisch sieht der Verband Privater Kabelnetzbetreiber (ANGA) in Bonn die Lage. "Was unsere neuen Kollegen betrifft, haben wir den allergrößten Grund zur Sorge", sagt Geschäftsführer Peter Charisse. Die Aktivitäten in Hessen sieht er als "Auslaufmodell": "Bei Iesy geht nichts voran." Und bei Ish sei, abgesehen von den Entlassungen, eine kürzlich verkündete Preiserhöhung nur als "Verzweiflungstat" zu sehen. Die bestehenden kleinen Betreiber von Hausverteilanlagen sähen die Chancen auf Zusammenarbeit mit Ish und Iesy schwinden.

Hintergrund: Die neuen Anbieter haben zwar die überregionalen Netze der Telekom, aber nur bei einem Drittel der Haushalte auch die dringend benötigten Direktanschlüsse. Diese "letzte Meile" ist überwiegend im Besitz Hunderter Kleingewerbler wie Antennenbauer sowie von Wohnungsbaugesellschaften oder auch von Eigenheimbesitzern selbst. Die Betreiber der so genannten Netzebene vier gingen zunehmend dazu über, sich von den überregionalen Netzen als Lieferanten der TV-Programme abzukoppeln, berichtet Charisse - via Satellit oder in Kooperation mit City Carriern, also den Betreibern lokaler Telefonnetze. Gerade im Rheinland gebe es intensive Gespräche etwa mit NetCologne oder Isis. Vier Millionen der 22 Millionen Kabelhaushalte in Deutschland empfangen ihre Programme bereits unabhängig von den überregionalen Netzen.

Weitere Herausforderung für Ish und Co: Satellit oder Antenne könnten dem Kabel auch direkt Konkurrenz als interaktives Kommunikationsmittel machen. Die Digitalisierung des Satelliten-Netzes ist abgeschlossen, und in Berlin startet das Testangebot, Digitalprogramme mittels Antenne zu empfangen. Dafür sind relativ geringe Investitionen nötig.

Das alles heißt aber nicht, dass das Kabel als Multimedia-Autobahn ausgedient hätte. "Langfristig wird es auf jeden Fall aufgerüstet", meint Analyst Tubeille. Frage ist nur, ob mit den bestehenden Gesellschaften. Die Telekom jedenfalls braucht nicht zu fürchten, auf ihren restlichen Kupferleitungen sitzen zu bleiben. "5,5 Milliarden Euro sind allerdings in näherer Zukunft nicht zu erzielen", findet Frank Wellendorf, der den Bonner Konzern für die WestLB beobachtet.

Erste Interessenten haben offenbar schon ihre Fühler ausgestreckt. Sowohl Finanzinvestoren wie Compere aus London als auch im Kabelgeschäft operativ tätige Unternehmen hätten vorgefühlt, ist im Umfeld der Telekom zu hören. Alles sei aber noch in einem sehr frühen Stadium, wird betont. Dem Kurs der T-Aktie düfte es jedenfalls gut tun, wenn trotz der auch international schlechten Lage im Kabelgeschäft ein Interessent anbeißen sollte. "Alle negativen Entwicklungen sind jetzt voll eingepreist", sagt Wellendorf. "Ein Verkauf des Kabels kann für den Kurs nur positiv sein."

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