Harvey Pitt ist Chef der US-Börsenaufsicht SEC
Ein Softie als Sheriff

Ganz leise wollte er Reformen im Wertpapiergeschäft einleiten. Jetzt haben ihn die Ereignisse rund um die ausufernden Bilanzskandale überrollt. Kritiker halten dem Chef der US-Börsenaufsicht vor: er sei zu sanft, zu unentschlossen und habe die falschen Freunde.

NEW YORK. "Too soft" - zu weich. Der Ausdruck fällt im Zusammenhang mit dem Vorsitzenden der US-Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) immer wieder. "Too soft", kritisieren Demokraten im Kongress den jüngsten Vorschlag von Harvey Pitt für ein neues Aufsichtsgremium, das die Wirtschaftsprüferzunft stärker überwachen soll. "Too soft", sagen Anlegervertreter, sei er mit Analysten umgegangen, deren Kaufempfehlungen Anleger in die Irre geführt haben.

"Pitt führt die Behörde auf Zehenspitzen mit relativ schwachen Initiativen", kritisiert der ehemalige Wall Streeter und demokratische Senator John Corzine. Der oberste Sheriff der US-Kapitalmärkte wird den Ruf nicht los, ein Softie zu sein. Bei öffentlichen Auftritten wirkt der frühere Staranwalt eher scheu. Rundschultrig beugt sich der bullige SEC-Oberste mit der randlosen Brille über seine Papiere, liest Reden weitgehend ab. Er wirkt mäßig freundlich und nur mäßig entschlossen.

Ganz leise wollte der 57-Jährige Reformen im Wertpapierwesen einleiten, die Unternehmen zu einer zeitnaheren und transparenteren Rechnungslegung überreden, die Wirtschaftsprüfer-Zunft zu einer effektiveren Selbstkontrolle bewegen. Er setzte auf Konsens, während sein Vorgänger Arthur Levitt harsch zur Sache ging.

Doch die Ereignisse haben Pitt überrollt. Immer neue Schwindelgeschichten, angefangen beim US-Energiekonzern Enron, haben die heile Welt des US-Kapitalismus in den Grundfesten erschüttert: Xerox, Tyco, Andersen, Imclone. Versteckte Schulden, geschönte Zahlen, betrogene Investoren, Insidergeschäfte. Während Pitt als oberster Anwalt der Anleger Rede um Rede hält, um für seine Reformvorschläge zu werben, haben sich die Investoren längst zurückgezogen, die Aktienkurse stürzen ab.

Falscher Blickwinkel

"Wir glauben nicht, dass er ein schlechter Mann ist", sagt Sprecherin Celia Wexler von der Bürgerbewegung Common Cause in Washington, " aber er hat den falschen Blickwinkel. Uns stört die Art, wie er Probleme anpackt." Die Nähe zu den Unternehmen, die er früher als Anwalt vertreten hat und heute kontrollieren soll, machen ihm Gegner zum Vorwurf und lassen Wohlgesinnte zweifeln. Pitt wirkt weich, hart sind die anderen.

Kritiker werfen ihm vor , dass er sich gerne mit der falschen Seite trifft. Als Untersuchungen zur Rechnungslegung des Kopiererherstellers Xerox liefen, verabredete er sich mit Xerox-Chefin Anne Mulcahy. Im April traf sich Pitt dann mit dem neuen Chef vom Xerox-Wirtschaftsprüfer KPMG, Eugene O?Kelly. Pitt behauptet zwar felsenfest, Xerox sei kein Thema gewesen, doch die Geschichte stand in allen Zeitungen.

Falsche Freunde

Zu allem Überfluss holte Pitt seinen alten Freund Robert Herdman in die SEC. Herdman war zuvor Vize-Präsident der Wirtschafts-Prüfungsgesellschaft Ernst & Young und ist jetzt dank Pitt oberster Polizist für sämtliche Prüffälle in der Rechnungslegung. "Pitt fragt die falschen Leute", kritisiert Bürgerrechtlerin Wexler, "er redet mit den Bossen, aber nicht mit den Anlegern".

Aber fachlich dürfte er für das Amt, das er im August vergangenen Jahres antrat, wie kein anderer geeignet sein. Der als Sohn eines Supermarkt-Angestellten im New Yorker Stadtteil Brooklyn geborene Jurist begann seine Laufbahn als Assistent der SEC. Er brachte es dort rasch zum Generalkonsul, bevor er zur Kanzlei Fried, Frank, Harris, Shriver & Jacobson wechselte. Als Anwalt vertrat er viele Unternehmen, die an Wall Street Rang und Namen haben wie die bekanntesten Investmentbanken und die großen US-Wirtschafts-Prüfungsgesellschaften.

Integrität streitet ihm den auch kaum jemand ab. Immerhin war er bereit, beim Wechsel zur SEC ein Jahresgehalt von schätzungsweise drei Millionen Dollar gegen bescheidene 133 000 Dollar einzutauschen. Doch der öffentliche Druck auf Harvey Pitt wächst. "Falls er sich noch mehr Fehler leistet, wird er zur politischen Last und muss gehen", merkt Rechtsexperte Jim Cox von der Duke University in North Carolina ganz nüchtern an.

Vita
Harvey Pitt, geboren am 28. Februar 1945 im New Yorker Stadtteil Brooklyn, schließt 1965 die University of New York und drei Jahre später die St. John?s University School of Law ab. Von 1968 bis 1978 arbeitet er als Anwalt bei der US-Börsenaufsicht SEC. Danach ist er 24 Jahre als Anwalt tätig und vertritt viele der an Wall Street gelisteten Unternehmen. Nebenbei lehrt er in den USA an den juristischen Fakultäten verschiedener Universitäten. Am 3. August vergangenen Jahres kehrt er zur SEC zurück und wird Chairman.

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