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Hat Arafat die Kontrolle verloren?

Palästinenserpräsident Jassir Arafat demonstrierte Handlungsfähigkeit. Im Namen der Autonomiebehörde verbot er in der Nacht zum Montag die "Ali Abu Mustafa Brigaden", den bewaffneten Arm der Volksfront für die Befreiung Palästinas, die sich in der vergangenen Woche zum Attentat an dem israelischen Tourismusminister Rechawam Seewi bekannten.

dpa GAZA/RAMALLAH. Formal erfüllte der 72-jährige damit eine der ultimativen Forderungen Israels, das die effektive Bekämpfung der Extremisten in den besetzten Gebieten zur Bedingung für die Wiederaufnahme des politischen Dialogs gemacht hat. Doch für die meisten Experten war die demonstrierte Entschlossenheit Arafats nur Kosmetik. Sie glauben, dass der oberste Palästinenser längst die Kontrolle über die Extremisten im eigenen Lager verloren hat.

Seit Beginn des Aufstandes in den Palästinensergebieten hat Arafat nach Meinung seiner Kritiker nichts getan, um die Extremistengruppen Hamas und Islamischer Dschihad von Anschlägen in Israel, vor allem aber Attacken auf Israelis in den besetzten Gebieten abzuhalten. Die israelische Forderung nach der Verhaftung von mehr als Hundert mutmaßlicher und potenzieller Terroristen, die er im vergangenen Oktober aus den Gefängnissen entlassen hatte, ignorierte er beflissentlich.

Bewaffneter Widerstand hat sich verselbständigt

"Arafat reitet auf dem Tiger, er schwimmt auf der Welle des Widerstandes", beschrieben palästinensische Beobachter die Haltung des Palästinenserführers während der 13 Monate Intifada. Und wenn Arafat einmal Extremisten verhaften ließ, dann war dies gewöhnlich nur für einige Tage. Prominente Mitglieder der radikalen Organisationen und gesuchte Terroristen wurden offiziell inhaftiert, um wenige Tage später wieder "durch die Drehtür" klammheimlich entlassen zu werden.

Inzwischen hat sich jedoch der bewaffnete Widerstand gegen die israelische Besatzung derart verselbstständigt, dass nicht nur Arafat, sondern auch seine Sicherheits- und Geheimdienstchefs die Kontrolle verloren zu haben scheinen. Extremisten verschiedenster Organisationen, auch von Arafats Fatah, haben sich in kleinsten Gruppen und Zellen zusammengeschlossen und arbeiten unabhängig von ihrer Führung.

In einigen Gebieten, wie zum Beispiel in Bethlehem, haben Familien-Clans das Sagen. Atef Abajat - von Israel wegen fünf tödlicher Attacken auf Israelis gesucht - wurde von Arafats Leuten mehrfach "vorgeladen", aber stets wieder entlassen. Während Arafat noch vor wenigen Tagen behaupte, Abajat sei in Haft, fuhr dieser in Gebiet von Bethlehem herum, bis er schließlich von der israelischen Armee liquidiert wurde.

Arafats Fatah ist nicht mehr die führende Bewegung

Aus diesem Grunde bezweifeln israelische Experten auch, dass das Verbot der "Abu Ali Mustafa Brigade" mehr ist als nur eine Feigenblatt-Aktion. Zwar nahm der Palästinenserführer mehrere Volksfront-Aktivisten fest, die meisten verschwanden jedoch im Untergrund. Arafat, so sein israelische Biograf Danny Rubinstein, "kann es sich nicht einmal leisten, gegen die Volksfront vorzugehen, die klein und schwach ist, geschweige denn gegen die Hamas oder Dschihad". Der Grund: "Die islamische Bewegung, linke Fraktionen und andere Oppositionsgruppen bilden nun zusammen die Mehrheit in den Gebieten".

"Arafats Fatah-Organisationen und ihre Verbündeten sind nicht länger die führende Bewegung", glaubt auch der palästinensische Meinungsforscher Chalil Schikaki. Der Palästinenserpräsident könne es sich deshalb auch nicht leisten, die israelische Forderung nach Auslieferung des mutmaßlichen Seewi-Attentäters zu erfüllen, meint Danny Rubinstein: "Jede Palästinenserregierung die es wagt, Palästinenser an Israel auszuliefern, würde als Kollaborateur und Verräter betrachtet."

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