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Hat die amerikanische Seele sich verändert?

Die historische Ära, die am 11. September 2001 für Amerika begonnen hatte, fand mit dem Skandal um die Misshandlungen irakischer Gefangener ein vorzeitiges Ende. Eine neue, unsicherere Ära begann am Freitag, als ein grimmiger US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld vor dem Senatsausschuss Rede und Antwort stehen musste.

Der Krieg gegen den Terror begann für uns mit der festen Überzeugung, dass Amerika das Recht auf seiner Seite hatte. Und den Irak-Krieg begannen wir im Glauben, dass wir den Nahen Osten zum Besseren verändern können. Beide Überzeugungen sind erschüttert. Wir erkennen, dass vielleicht gar nicht wir den Nahen Osten verändern, sondern das Engagement im Nahen Osten uns - und zwar nicht zum Besseren.

Als Rumsfeld am Freitag vor dem Senatsausschuss stand, da hielt die amerikanische Nation inne, wie um zu fragen: Wie konnte sich ein Feldzug, der mit solch moralischer Klarheit begonnen hatte, bloß so entwickeln, dass das Bild einer amerikanischen Soldatin vor uns steht, die einen nackten irakischen Gefangenen an einer Leine zieht? Selbst die Fernsehsender wurden still, unterbrachen ihre Seifenopern und Talkshows, um den grimmigen Verteidigungsminister und die Inquisitoren in die amerikanischen Wohnzimmer zu schalten.

Seit diesem Moment drängt sich uns folgende Frage auf: Ist irgendwo auf diesem Irak-Feldzug etwas mit der amerikanischen Seele passiert? Unsere Freunde in Israel haben Ähnliches durchgemacht. Bei der Besetzung palästinensischer Gebiete mussten sie sich fragen: Wir haben jetzt zwar unsere Sicherheit verbessert - aber haben wir nicht unseren Seelenfrieden verloren? Bringt es die Rolle als Besatzungsmacht mit sich, dass unsere Soldaten Dinge tun, die wir eigentlich inakzeptabel und widerlich finden? Führt Besatzung zwangsläufig zu moralischer Gefühlskälte?

Die Frage drängt sich besonders im Nahen Osten auf, wo andere Maßstäbe für Gewalt und Moral gelten als bei uns. Jahrzehntelange, brutale Diktaturen und Gewaltregime sind an den Menschen nicht spurlos vorbeigegangen. Wenn die USA in diesem brutalen Umfeld mitspielen wollen, dann liegt der Gedanke nahe, das eigene Verhalten an das Umfeld anzupassen. Doch die Bush-Regierung hatte genau gegensätzlichen Marschbefehl: das amerikanische Niveau von Recht und Moral mitzubringen und einzuführen.

Einen positiven Gedanken kann man dem jetzigen Moment des Innehaltens abgewinnen: Der Verteidigungsminister wurde umgehend vor den Kongress berufen; er erklärte sich für Dinge verantwortlich, die an einem entfernten Ende seiner Befehlskette passierten. Unsere Regeln für Verantwortung und Rechenschaft gelten also noch. Doch dies müssen wir der Welt beweisen. Als Zeichen hierfür fordern daher manche Rumsfelds Rücktritt - egal ob er nun wirklich direkt verantwortlich war oder nicht.

Bisher ging es im Krieg gegen den Terror um die Frage, ob wir den Irak militärisch unter Kontrolle bekommen. Aber seit Freitag geht es um etwas anderes: Verändert der Irak Amerika etwa genauso, wie Amerika den Irak verändert? Präsident Bush scheint an seinem bisherigen Glauben festzuhalten: dass Amerika die Welt verbessern kann und beim Irak damit anfängt. Aber es wird ihm schwer fallen, seine Landsleute davon zu überzeugen.

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