Hauptversammlungen bei Finanzinstituten und Zementherstellern versprechen Spannung
Aktionäre rechnen mit Vorständen ab

Jetzt ist Hauptsaison: Allein 15 Dax-Unternehmen haben für die nächsten Wochen zur Versammlung geladen. Vor allem Kleinaktionäre nutzen die Gelegenheit, ihre Enttäuschung zur Sprache zu bringen.

HB FRANKFURT. Das tut jedem Aktionär der Hypo-Vereinsbank richtig weh: Dividende 0, Verlust 800 Millionen Euro im Geschäftsjahr 2002. Mit Erklärungsversuchen wird Vorstandschef Dieter Rampl am 14. Mai die Anteilseigner nicht beruhigen können. Aktionärsvertreter haben bereits eine Generalabrechnung für die Hauptversammlung angekündigt.

Allein Hauptversammlungen geben Kleinaktionären die Chance, zumindest etwas Licht hinter die vielfach undurchsichtigen Unternehmenskulissen zu bringen. In den nächsten Wochen werden sie dazu reichlich Gelegenheit haben. Allein 15 Dax-Unternehmen laden für die nächsten Wochen zur Aussprache (siehe Kasten). Für Reinhild Keitel, Vorstandsmitglied der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) garantieren vor allem die Versammlungen der wegen illegaler Absprachen zu Millionenstrafen verurteilten Zementhersteller Spannung: "Nur eine Hauptversammlung kann Forum sein für die Aufarbeitung eines Geschäftsjahres." Sie erwartet außerdem bei Finanzwerten wie der Hypo-Vereinsbank, aber auch bei Commerzbank oder Deutscher Bank Zündstoff in den Hauptversammlungen. Streitgespräche sind ebenfalls bei Neue-Markt-Titeln wie EM.TV oder Intershop vorprogrammiert.

Mit der einsetzenden Baisse wurde nicht nur die Renditen schmaler - auch an der Präsentation wird gespart: Frikadelle statt Kaviar und Wasser statt Champagner. Die Zeiten für "Fressaktionäre" werden schlechter, bestätigt Claudia Loderer von der SLS AG. Das Unternehmen organisiert zahlreiche Großversammmlungen, zum Beispiel von Telekom und Daimler Chrysler: "Der Trend geht klar in Richtung sparen. Ob Catering oder Blumenschmuck. Eine überdimensionierte Gestaltung wird von Aktionären nur kritisch wahrgenommen."

Mit Inkraftreten des neuen Transparenz-und Publizitätsgesetzes für Aktiengesellschaften im Sommer 2002 können neben Vorstandsberichten auch die anschließenden Aussprachen live im Internet übertragen werden. "Seitdem werden deutlich mehr Versammlungen im Internet gezeigt", sagt Uta Kunold, Juristin beim Deutschen Aktien Institut (DAI). Vor allem Investoren aus dem Ausland nutzen diese Möglichkeit. Aktionäre können zudem bei vielen Unternehmen ihre Entscheidung elektronisch an einen Stimmrechtsvertreter übermitteln. Eine rein virtuelle Übertragung vor leeren Zuschauerplätzen erwartet Kunold jedoch auch in Zukunft nicht: "Die Hauptversammlung muss transparent sein und notariell begleitet werden. Das ist von einer reinen Internetübertragung nicht zu leisten."

Obwohl viele Unternehmensentscheidungen von Großaktionären bestimmt werden und Tagesordnungspunkte mit Zustimmungen über 99 Prozent abgehakt werden, lohnt sich für Kleinaktionäre eine Teilnahme. "An die Hauptversammlung knüpfen sich nahezu alle Aktionärsrechte", sagt Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Neben dem Recht auf Anfragen an den Vorstand und der Verpflichtung einer Antwort nennt Kurz die Möglichkeit, gegen Beschlüsse vorzugehen. Dies könne per Auskunfts- oder Anfechtungsklage geschehen. Außerdem habe der Aktionär ein Informationsrecht, dem nur ein Forum wie die Hauptversammlung gerecht werde.

Kurz warnt Aktionäre davor, ihr Stimmrecht verfallen zu lassen: "Bei Dax-Unternehmen sind häufig nur 50 Prozent der Kapitalanteile vertreten, folglich reicht bereits ein gutes Viertel des stimmberechtigten Kapitals aus, um einen Aufsichtsrat zu wählen." So werden die wahren Besitzverhältnisse nicht widergespiegelt.

Das Aktiengesetz gibt Anteilseignern die Möglichkeit, ihre Stimme auf einen Dritten zu übertragen. Bisher haben in erster Linie Kreditinstitute diese Vollmacht übernommen, doch vor allem Sparkassen ziehen sich in jüngster Zeit zurück. Große Aktiengesellschaften bieten eine Stimmübertragung auf einen Unternehmensvertreter an. Außerdem übernehmen Aktionärsvereine wie DSW oder SdK Vollmachten. Die DSW hat beispielsweise in der Bayer-Hauptversammlung Ende April rund vier Millionen Stimmen von Kleinaktionären und institutionellen Fondsanlegern vertreten.

Mit dieser geballten Stimmenpräsenz im Rücken hofft Kurz in Hauptversammlungen auf moralische Macht. Der Vorstand sei einem einmaligen massiven Druck der Öffentlichkeit ausgesetzt und müsse sich für sein Verhalten verantworten. "Es macht keinem Vorstand Spaß, von einem Klein-Aktionär die Leviten gelesen zu bekommen." Die Unternehmensführung der Hypo-Vereinsbank wird das zu spüren bekommen.

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