Hausärzte rudern zurück
Krankenkassen drohen Streik-Ärzten

Sollten Ärzte den Protestaufrufen ihrer Funktionäre folgen, müssen sie mit ernsthaften Konsequenzen bis hin zum Entzug der Zulassung rechnen. Auch die Front innerhalb der Gesundheitslobby wackelt.

pt BERLIN. Die Ablehnungsfront der Ärzte gegen das Spargesetz für Rente und Gesundheit bröckelt. Einen Tag vor der für den heutigen Freitag geplanten Verabschiedung des Vorhabens im Bundestag gingen die Hausärzte auf Distanz zur Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Diese hatte die Mediziner zuvor aus Protest gegen die geplante Nullrunde aufgerufen, ab Januar nur noch "Dienst nach Vorschrift" zu leisten.

Er rechne schon deshalb nicht mit einer breiten Teilnahme der 40 000 Allgemeinmediziner, weil sie bei Praxisschließungen die liegen gebliebene Arbeit ohnehin nacharbeiten müssten, betonte Ulrich Weigeldt, Vorstandsmitglied des Deutschen Hausärzteverbandes, vor Journalisten. Zuvor war eine gemeinsame Pressekonferenz der Hausärzte mit Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) aus Termingründen abgesagt worden.

Zudem stünden viele Hausärzte hinter den Plänen der Ministerin, so Weigeldt. Schmidt will bei der geplanten Strukturreform die Rolle der Allgemeinmediziner stärken. "Dagegen können wir doch nicht protestieren", sagte der Ärztevertreter. "Da werden wir doch nicht die Türen zuschlagen, die uns die Ministerin aufmacht."

Die Kritik der Hausärzte zielt nicht so sehr auf das Gesundheitsministerium, sondern vielmehr vor allem auf die KBV selbst. Sie und die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) hätten bei der Honorarverteilung die Hausärzte seit Jahrzehnten schlechter gestellt als die Fachärzte, so ihr Vorwurf.

Die Krankenkassen unterstützten die Ministerin im Kampf gegen die Gesundheitslobby. Sie drohten streikenden Ärzten mit harten Sanktionen bis hin zum Entzug der Kassenzulassung. "Sollten Ärzte ihre Patienten nicht mehr ausreichend behandeln, müssen sie mit dem Verlust der Zulassung rechnen", warnte der Verwaltungsratsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Peter Kirch. Die Kassenärzte seien verpflichtet, "die medizinische Versorgung sicherzustellen". Zuvor hatte bereits Schmidt die KBV scharf davor gewarnt, zu "Dienst nach Vorschrift" oder "Budgetferien" aufzurufen.

Empört reagierte Kirch auf die Ankündigung der Ärzteinitiative Berlin, Kranken drohe von Januar an ein "Probesitzen in der Hölle". "Es ist unverantwortlich, kranke Menschen, die sich mit Beschwerden an ihren Arzt wenden und auf Besserung hoffen, auf diese Art zu verunsichern und bei ihnen damit tiefe Ängste zu schüren."

Nach den Medizinern legte sich Schmidt gestern auch mit den Apothekern an. Sie sollen ebenso wie die Pharmaindustrie und der Arzneimittelgroßhandel im nächsten Jahr über Preisrabatte zur Reduktion des bei 3,2 Mrd. Euro liegenden Defizits der Kassen beitragen. Die Ministerin warf ihnen am Donnerstag vor, sich "arm zu rechnen". Tatsächlich seien die Apotheker durch die Maßnahmen zur Kostendämpfung nicht überproportional belastet, sagte Schmidt. Sie reagierte damit auf eine entsprechende Informationskampagne des Apotheker-Dachverbandes. Ihr Sparbeitrag liege bei 350 Mill. Euro und damit niedriger als der der Pharmaindustrie.

Dagegen erwarten die Apotheker, dass der Großhandel seinen Sparbeitrag über die Streichung bislang gewährter Naturalrabatte an die Apotheken weiterreichen wird. Sie rechnen daher mit Umsatzverlusten von mehr als einer Mrd. Euro. Nicht wegdeuten können die Apotheken allerdings, dass sie vom starken Anstieg der Zahl teurer innovativer Medikamente in den vergangenen Jahren profitiert haben. Ihr Umsatz stieg zwischen 1996 und 2001 um 22,2 %. Aussagen der Apotheker, sie hätten trotzdem nur eine Umsatzrendite von 1,4 % und einen Gewinn von 400 Mill. Euro erzielt, wies Schmidt zurück. Das steuerpflichtige Betriebsergebnis sei mit 8 bis 9 % deutlich höher. Statt der genannten 400 Mill. Euro hätten alle Apotheken 2001 2,5 bis 2,7 Mrd. Euro Gewinn vor Steuern gemacht.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%