Hausse-Trend hielt über 20 Jahre
Chancen für eine anhaltende Erholung stehen relativ gut

Der Dax hat vor allem in den vergangenen Monaten extrem unter der allgemeinen Aktien-Baisse gelitten. Dass Debakel der letzten beiden Jahre wird anhand der prozentualen Verluste verdeutlicht. Der Index hat mit dem bisherigen Tief von knapp 2 500 Punkten gegenüber seinem Top im April 2000 bei rund 8 000 Punkten in der Spitze fast 70 Prozent an Wert verloren.

Zur Verdeutlichung der horrenden Verluste lohnt sich ein historischer Vergleich mit dem bislang größten Aktiencrash von 1929, aus dem sich die Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre entwickelt hat. Damals hat der deutsche Markt "nur" rund zwei Drittel an Wert verloren. So, wie die über zwanzig Jahre anhaltende Hausse als historisch einmalig angesehen werden kann, kann auch die Baisse der letzten zwei Jahre von ihrem Ausmaß her als historisch eingestuft werden.

Entsprechend desolat ist die technische Situation des Marktes: Im Juli diesen Jahres hat der Dax mit 4 000 Punkten seinen langfristigen Primäraufwärtstrend durchbrochen. Mit diesem Trendbruch hat der Markt faktisch seinen über zwanzig Jahre andauernden Haussetrend gebrochen. Wichtig von der methodischen Betrachtungsweise ist, dass der Markt diesen Trendbruch mit den folgenden massiven Verlusten bestätigt hat, so dass davon ausgegangen werden kann, dass der Dax eine grundsätzlich neue Trendphase eingeleitet hat.

Wird ein derart langanhaltender Aufwärtstrend wie der der letzten zwanzig Jahre gebrochen, kann man schon aus Proportionalitätsgründen davon ausgehen, dass der Markt einige Jahre im günstigsten Fall seitwärts laufen wird - was allerdings in Anbetracht des bereits markant etablierten und relativ steilen langfristigen Abwärtstrends wenig wahrscheinlich ist. Im Gegenteil: Die Baisse der letzten beiden Jahre dürften mit hoher Wahrscheinlichkeit nur der erste Teil eines übergeordneten langfristigen Baissemusters sein. Positiv ist allerdings, dass die Chance für eine vorübergehende Trendwende zum Positiven und damit eine längeranhaltende Erholung bis weit in das nächste Jahr relativ gut stehen. Die Gründe für diese Annahme sind vielschichtig.

Zum einen kann festgestellt werden, dass der Dax mit dem Einbruch der letzten Monate einen überverkauften Zustand erreicht hat, der bislang historisch einmalig ist. Der Index, und damit auch viele Einzelwerte, haben mit 40 bis 50 Prozent extrem hohe negative Abstände zu ihren gleitenden 200-Tage Durchschnitten aufgebaut. Der 200-Tage gleitende Durchschnitt kann aus technischer Sicht als eine Art floatender, langfristiger, fairer Wert angesehen werden. Wenn ein Markt kurzfristig zu stark von diesem Durchschnitt abweicht, sagt das nichts anderes aus, als dass er für einen gegebenen Zeitraum zu stark gefallen ist, und diese negative Übertreibung wieder korrigiert werden muss.

Vielfach ist es sogar so, dass ein Markt eine negative bzw. auch positive Übertreibung bereits in der direkten Gegenbewegung wieder korrigiert, so wie das z.B. im letzten Jahr unmittelbar nach den Terroranschlägen in New York der Fall war. Auch damals hatte der Dax kurzfristig einen hohen negativen Abstand zu seiner 200-Tage-Linie. Diesen hat er mit einer reflexartigen Erholung von fast 50 Prozent in der unmittelbar folgenden Gegenbewegung wieder komplett korrigiert.

Exakt dieses Verhaltensmuster erwarten wir auch für die kommenden Monate. Wir gehen davon aus, dass der Dax mit dem Tief vom 09. Oktober ein übergeordnetes, typisch dreiteiliges (A-B-C) Korrekturmuster vollendet - und mit dem zuletzt gesehenen Anstieg bereits eine längerfristige Trendwende eingeleitet hat. Die aus unserer Sicht wichtigen technischen Indikatoren haben vielfach bereits Longsignale generiert. Zyklisch gehen wir davon aus, dass der Markt bis Ende November sich weiter befestigen sollte. Als potentielles Kursziel erwarten wir den Bereich von 3 900 bis 4 000 Punkten. Dieses ambitionierte Kursziel ergibt sich aus der Dynamik des vorhergehenden Kurssturzes, da die Volatilität weiterhin hoch ist und nicht nur auf die negative Seite wirkt.

Für die letzten acht Wochen des Jahres erwarten wir erneut schwache Kurse. Der Index dürfte in dieser Zeit einen großen Teil der bis dahin aufgebauten Gewinne wieder abgeben, die Marke von 3 000 Punkten sollte dabei allerdings nicht mehr unterschritten werden.

Ab Januar 2003 ist im Rahmen des typischen saisonalen Musters eine klassische Jahresanfangsrallye zu erwarten, die dann auch substanziell von zunehmender Nachfrage der institutionellen Anleger getragen werden dürfte. Ein weiterer, aus zyklischer Sicht wichtiger Punkt für das nächste Jahr stellt der Juli dar: In diesem Zeitraum treffen sich der gebrochene langfristige Primäraufwärtstrend von 1982 und der langfristige Abwärtstrend aus dem Jahr 2000. Kreuzungspunkte von wichtigen Trendlinien sind aus zyklischer Sicht oft wichtige Trendwendepunkte. Sollte sich der Markt bis dahin entsprechend unseren Erwartungen positiv entwickeln, besteht die Gefahr einer erneut negativen Trendwende. Es kann davon ausgegangen werden, dass der Markt in der eingeleiteten Aufwärtsbewegung seinen langfristigen Abwärtstrend auf seinen Bestand testen wird. Dieser liegt im Juli 2003 bei rund 4 500 Punkten, so dass sich gerade auf dem aktuellen Niveau von rund 3 000 Punkten weitere Käufe in den besonders stark gebeutelten Finanzwerten anbieten. Vor allem diese Werte haben in den letzten Monaten negativ übertrieben, so dass hier mit einer ebenso starken Erholung zu rechnen ist.

Michael Riesner, Technischer Analyst des DZ Bank Researchs, Frankfurt/M.

Quelle: Handelsblatt

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