Havarist stammt aus Deutschland
1 000 Tote bei Schiffskatastrophe

Bei der schlimmsten Schiffskatastrophe in der Geschichte Westafrikas sind nach neuen Behördenangaben bis zu 1 000 Menschen in den Tod gerissen worden.

HB/dpa NAIROBI. Ihre Tränen waren voller Trauer und Wut: Hunderte verzweifelter Menschen drängten sich am Montag in der überfüllten Stadthalle der senegalesischen Hauptstadt Dakar vor den Fotos ihrer ertrunkenen Angehörigen. Mit den Bildern wollten die Behörden die Identität der Menschen aufklären, die bei der schlimmsten Schiffskatastrophe in der Geschichte Afrikas vier Tage zuvor ums Leben gekommen sind. "Wir fühlen uns so verraten und enttäuscht", weinte eine Frau in der aufgebrachten Menge. Als die Opferzahlen immer weiter nach oben korrigiert wurden und bei 1 000 lag, stieg der Zorn über die Nachlässigkeit der Behörden des westafrikanischen Staates.

Die Taucher haben inzwischen die Suche nach Überlebenden im Wrack der senegalesischen Fähre eingestellt. Wie ein Helfer in der Hauptstadt Dakar sagte, bestehe keine Hoffnung mehr, noch Lebende im Innern der umgekippten Fähre zu finden. Lediglich 64 der 1034 Menschen an Bord der Fähre überlebten das Unglück. Bisher wurden erst knapp 400 Leichen geborgen.

Unklar war noch, ob das Schiff auf dem Meer überhaupt fahren durfte. Am Montag wurde bekannt, dass der Havarist in der "Neuen Germersheimer Schiffswerft" im rheinland-pfälzischen Germersheim gebaut worden war. Dessen Geschäftsführer, Georg Höckels, sagte, das 79,50 Meter lange Schiff habe bis zu 50 Seemeilen weit aufs Meer hinausfahren dürfen. In einem Schuldgeständnis hatte der hilflos wirkende Präsidenten Abdoulaye Wade dagegen vor der trauernden Menge von "einer Ansammlung von Fehlern" gesprochen - das Schiff, das für 550 Passagiere zugelassen war, sei ohne Zweifel überladen und wohl auch nicht für das Meer zugelassen gewesen.

Tageszeitung Sud: Kriminelle Nachlässigkeit


Ungeachtet dieser noch offenen Frage schrieb die unabhängige Tageszeitung "Sud" von "krimineller Fahrlässigkeit". "Die Tragödie ist das Ergebnis von unermesslicher Verantwortungslosigkeit", sagte ein Angehöriger dem Radiosender BBC. Der Senegalese Jean-Marie Diatta, der verzweifelt auf eine Nachricht über seine Angehörigen wartete, schob die Schuld der Regierung zu: "Als klar wurde, dass das Schiff fahruntauglich war, hätte man es ganz aus dem Verkehr ziehen sollen." Der trauernde Mann wusste von einem vorangegangenen Fall, in dem eine staatliche Fähre auf derselben Route mit einem Motorschaden in einen Sturm geraten war.

Täglich nutzen Hunderte Senegalesen aus der abgetrennten südlichen Provinz Casamance den Wasserweg, um nach Dakar zu kommen. Viele der meist armen Menschen aus der landwirtschaftlich geprägten Region versuchen, ein wenig Geld durch Handel im besser entwickelten Norden des Landes zu machen. Der Landweg jedoch ist durch die Autonomiekämpfe von Separatisten zu gefährlich geworden. Die kürzeste Route führt ohnehin durch das kleine, von Senegal umschlossene Land Gambia, wo Zöllner streng kontrollieren.

Da viele den Fahrpreis von umgerechnet rund sechs Euro auf den Fähren nicht entrichten können, bahnen sie sich durch Tricks oder Schmiergelder den Weg an den Kontrolleuren vorbei. Man wisse inzwischen, dass auch ein Großteil der Passagiere auf der "Joola" kein Ticket gelöst hatte, erklärten die Behörden in der Hauptstadt. Der Überblick über die Zahl der Passagiere fehlte deshalb noch Tage nach dem Unglück.

Mahnmal der MItverantwortung der Behörden


Die Menschen in der abgelegenen Casamance-Provinz fühlen sich seit jeher von Dakar benachteiligt. Die Schiffskatastrophe bestärkt sie nun in ihrem Gefühl. Wie ein Mahnmal für die Mitverantwortung der Behörden ragte der rote Bauch der Unglücksfähre aus dem schwarzen Wasser des Atlantiks. Rettungskräfte und Fischer aus Senegal und Gambia bemühten sich am Montag weiter, um Hunderte eingeschlossener Leichen aus seinem Innern zu bergen. Zahlreiche Körper, darunter die vieler Kinder, waren von der Strömung bis in den Fluss Gambia abgetrieben worden. Helfer überführten sie vorerst in die gambische Hauptstadt Banjul.

bdt0043 4 vm 157 dpa 0035 Senegal/Schifffahrt/Unfälle/ Taucher stellen Suche nach Überlebenden auf Unglücksfähre ein = Nairobi/Dakar (dpa) -

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%