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HB-Eurokonjunktur-Indikator: Die Konjunkturdynamik im Euro-Raum ist ungebrochen

Die Wirtschaft in der Euro-Zone boomt. Kapazitätsauslastung und Produktion in der Industrie steigen weiter. Industrie- und Verbrauchervertrauen haben historische Höchststände erreicht. Die monetären Konjunkturindikatoren geben freilich erste Anzeichen für eine sanfte Abschwächung des Wachstums.

HB DÜSSELDORF. Der Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator (Tabelle und Grafik) hat im Mai mit 3,5 % einen neuen Höchststand erreicht. In den drei Monaten zuvor hatte er jeweils bei (revidierten) 3,4 % gelegen. Seit seinem letzten Tiefpunkt vor einem Jahr (1,9 % im Mai 1999) ist der Indikator damit fast kontinuierlich angestiegen.

Der Verlauf des Indikators lässt eine deutliche Beschleunigung des Wachstums in der ersten Jahreshälfte 2000 erwarten. Der Wachstumstrend im Euro-Raum dürfte sich von 2,9 % im ersten Quartal auf etwa 3,4 % zur Jahresmitte erhöhen. Im Frühjahrsgutachten hatten die großen Wirtschaftsforschungsinstitute für dieses Jahr eine Wachstumsrate von 3,2 % für die Euro-Zone prognostiziert. 1999 hatte das Wirtschaftswachstum 2,3 % erreicht.

Industrie als Wachstumsmotor

Motor des Wachstums ist die gute Industriekonjunktur, die sich nach allen verfügbaren Daten bis zuletzt ungebrochen fortgesetzt hat. So ist die Kapazitätsauslastung im ersten Monat des zweiten Quartals weiter kräftig gestiegen. Schon drei Monate zuvor hatte sie stark zugenommen. Sie liegt mit 83,5 % inzwischen deutlich über ihrem langjährigen Mittelwert von 81,6 %, wenngleich noch ein gutes Stück von ihrem historischen Höchststand (85,3 %) entfernt. Von daher dürfte also noch Spielraum für weiteres Wachstum ohne übermäßigen Preisdruck bestehen.

Allerdings berichten die Unternehmen auch über stark steigende Auftragseingänge in den vergangenen Monaten. Namentlich die Exporte laufen derzeit offenbar wie geschmiert, was in Anbetracht des niedrigen Eurokurses und der guten Weltkonjunktur nicht verwundern kann. Über kurz oder lang könnten daher durchaus erste Kapazitätsengpässe auftreten.

Die Industrieproduktion im Euro- Raum ist im Februar saisonbereinigt mit 1,2 % wieder kräftig gegenüber dem Vormonat gestiegen, nachdem sie in den beiden Vormonaten leicht zurückgegangen war. Deutschland, das im vergangenen Jahr den anderen Ländern eher hinterher gehinkt war, hat mit einem Produktionsplus von zuletzt 2,1 % inzwischen sogar eine Führungsrolle im Euro-Raum übernommen. Allerdings schwanken die monatlichen Werte für die einzelnen Länder sehr stark, so dass man den Befund nicht überbewerten sollte.

Das von der europäischen Kommission monatlich ermittelte Industrievertrauen hat im April mit 5 Punkten einen neuerlichen Höchststand erreicht. Die Entwicklung in den einzelnen Ländern war dabei nicht einheitlich. Steigenden Vertrauenswerten in Spanien und Italien standen nachgebende Werte in Frankreich und Irland gegenüber. In Deutschland hat sich das Industrievertrauen zwar erneut leicht verbessert, blieb aber mit minus 3 Punkten vorerst noch im negativen Bereich - wie in Österreich.

Das Verbrauchervertrauen erreichte im April zum dritten mal in Folge einen Punktwert von 0 und blieb damit auf seinem historischen Höchststand. Auch hier gehört Deutschland mit minus 2 Punkten zu den wenigen Ländern, die noch Negativwerte verzeichnen, bei allerdings weiterhin aufsteigender Tendenz. Inzwischen schätzen die europäischen Konsumenten die generelle ökonomische Situation fast genauso gut ein wie ihre persönliche finanzielle Situation, was durchaus ungewöhnlich ist. Offensichtlich haben sie sich von der allgemeinen Euphorie der Konjunkturprognosen beeindrucken lassen.

Auch die Besserungszeichen am Arbeitsmarkt sind inzwischen unübersehbar geworden. Im vergangenen Jahr hat die Beschäftigung um insgesamt 1,5 % gegenüber dem Vorjahr zugenommen, wobei der Zuwachs ziemlich kontinuierlich bei 0,3 % pro Quartal gelegen hat. Für die ersten Monate des laufenden Jahres, für die noch keine Beschäftigungszahlen für die Euro-Zone vorliegen, erwartet die Europäische Zentralbank (EZB) einen eher noch stärkeren Arbeitsplatzzuwachs. Die Arbeitslosenquote im Euroraum ist im März weiter auf saisonbereinigte 9,4 % gesunken. Vor Jahresfrist hatte sie noch 10,2 % betragen.

Inflation als Sorgenkind

Die Inflationsrate im Euroraum ist im März weiter von 2,0 auf 2,1 % gestiegen. Die EZB schließt in ihrem jüngsten Monatsbericht eine weitere Inflationsbeschleunigung in den kommenden Monaten nicht aus. Der starke Anstieg der Ölpreise dürfte sich erst allmählich in den Erzeugerpreisen niederschlagen und wirkt somit noch mit einiger Zeitverzögerung nach. Die Deutsche Bundesbank hat erst kürzlich mit Hinweis auf derartige Effekte davor gewarnt, die Ölpreissteigerungen und andere Sondereffekte allzu gedankenlos aus der "Kerninflationsrate" herauszurechnen.

Zwar sind die Ölpreise inzwischen wieder etwas gesunken. Der schwache Euro und das weiterhin hohe Geldmengenwachstum waren gleichwohl Anlass genug für die EZB, Ende April ihre Leitzinsen erneut um 0,25 Prozentpunkte zu erhöhen.

Die Geldmenge M3 ist im März mit einer Jahresrate von 6,5 % und damit noch stärker gewachsen als im Februar (6,1 %). Die enger abgegrenzte Geldmenge M2, die in den Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator eingeht, lag im März unverändert um 5,1 % über ihrem entsprechenden Vorjahresstand. Damit ist das monetäre Wachstum derzeit zwar nicht mehr so kräftig wie im vergangenen Jahr. Nach wie vor aber liegt es über dem Referenzpfad von 4,5 %, den sich die EZB vorgegeben hat.

Erste Hinweise auf leichte Abschwächung

Die Zinsstrukturkurve im Euro- Raum hat sich unterdessen deutlich abgeflacht. Aus konjunktureller Sicht ist dies ein kontraktives Signal, das freilich erst auf mittlere Sicht von Bedeutung ist. Während sich der Dreimonatszins im April weiter von 3,75 % auf 3,93 % erhöht hat, ist die Verzinsung 10-jähriger Staatsanleihen nochmals von 5,49 % auf 5,41 % zurückgegangen.

Dies ist eine auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinende Konstellation, die aber ihre Gründe hat. Die kurzfristigen Zinsen spiegeln den allmählich restriktiveren Kurs der Geldpolitik wider und haben diesen zeitweise sogar vorweggenommen.

Die langfristigen Zinssätze hingegen werden durch eine Reihe besonderer Faktoren gedämpft. Dazu gehört nach Einschätzung der EZB die Erwartung wieder niedrigerer Ölpreise, aber auch die Unsicherheit über die Kursentwicklung an den Aktienmärkten, die das Kapital wieder verstärkt in die Anleihen fließen lässt. Auch die Pläne des amerikanischen sowie des deutschen Finanzministers, die Staatsverschuldung zurückzuführen, dürften zu dem Renditerückgang beigetragen haben. Darüber hinaus glaubt die Zentralbank aber auch, mit ihrer Zinspolitik zu einer Dämpfung der Inflationserwartungen beigetragen zu haben.

In der Tat spricht derzeit vieles dafür, dass auf diese Weise ein Überschäumen der europäischen Konjunktur vermieden werden könnte. Die stabile Entwicklung des Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikators auf hohem Niveau in den vergangenen Monaten deutet jedenfalls darauf hin, dass die Euro-Wirtschaft auf einen stabilen, weitgehend spannungsfreien Wachstumspfad einschwenkt.





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