Heer der Arbeitslosen wächst
"Die Afghanistan-Krise macht uns kaputt"

Shahid hat Schweißperlen auf der Stirn, obwohl der Ventilator in seinem Reisebüro in Rawalpindi die volle Leistung bringt. Der 40-jährige Mann im hellblauen Hemd und mit gestreifter Krawatte ist nervös, weil er das Gefühl hat, dass seine Zukunft auf dem Spiel steht. "Wenn nicht bald wieder Kunden in mein Reisebüro kommen, muss ich in zwei Monaten dicht machen. Dann ist alles aus. Warum muss es Krieg geben in Afghanistan?", sagt Shahid, trinkt einen Schluck Tee und wischt sich die Schweißperlen aus dem Gesicht.

ddp ISLAMABAD. Shahid fühlt sich vier Wochen nach den Terroranschlägen von New York, Washington und Pennsylvania als doppelter Verlierer. "Normalerweise habe ich in der Woche 1 000 Touristen aus den Vereinigten Staaten, Australien und Deutschland unter Vertrag. Jetzt sind es nur noch zwei, die meine Hilfe für Reisen in die Berge und nach Quetta brauchen", macht der Mann aus der Nachbarstadt der pakistanischen Hauptstadt Islamabad seine Rechnung des Afghanistan-Konfliktes auf.

Auf zehn Prozent sind seine Einnahmen gesunken, dem Angestellten wird Shahid nicht mehr lange das Gehalt zahlen können. Und Shahid fühlt sich auch als Verlierer, weil die pakistanischen Kunden jetzt auch jede Rupie sparen und niemand mehr bei einem Krieg im Nachbarland an Urlaub denkt. "Sogar die Fluggesellschaften stellen ihren Betrieb hier in Islamabad ein." Alles was seit dem 11. September passiert ist, hat Pakistan stärker beeinflusst als andere Nationen rings um Afghanistan. Die 140 Millionen Menschen in dem Land zwischen Hindukusch und Indischem Ozean spüren auf ganz unterschiedliche Weise, was Kampf gegen Terror plötzlich bedeuten kann. Zwiebeln und Öl waren nur mal für ein paar Tage teurer, der gute Basmatireis kostet unverändert umgerechnet knapp eine Mark pro Kilogramm. Aber die Bauern und Fuhrunternehmer müssen tiefer in die Taschen greifen. Diesel ist seit den Terroranschlägen um gut zehn Prozent teurer geworden.

Und auch die Geldwechsler machen lange Gesichter. "Schlecht, schlecht ist das Geschäft. Keine Touristen, kaum noch Dollarüberweisungen von Pakistanern, die im Ausland arbeiten und an ihre Verwandten hier denken", erzählt ein bärtiger Geldwechsler gleichmütig.

Besonders getroffen von der gespannten Situation in Afghanistan ist die gesamte pakistanische Exportbranche. Die Regierung in Islamabad rechnet den Ausfuhrverlust bis zum Jahresende auf 1,5 Milliarden Dollar. Europäische Einkäufer haben kein Interesse, Leder und Baumwollstoffe aus dem "unsicheren" Pakistan zu ordern, geben Bangladesch, Indien und afrikanischen Anbietern den Vorrang. Kaum ein Unternehmer in Lahore, Islamabad oder Karachi kann es sich leisten, für jeden Frachtcontainer außerdem 150 Dollar Risiko- und Sicherheitsabgaben zusätzlich zu bezahlen.

Fast "auf Null gefahren" ist auch der Handel in der Nordwestgrenzprovinz - weder Honig noch Teppiche, Gemüse, Obst oder Möbel werden die Händler rings um Peshawar am Fuß des Khyber-Passes los, berichtet der Korrespondent des Tageszeitung «Dawn» aus der Grenzstadt. Bauern bleiben auf ihrer Ernte sitzen, und die offiziell aufgelisteten 4,3 Millionen arbeitslosen Pakistaner werden immer mehr. "Vielleicht sind es in Wirklichkeit schon 10 Millionen, 15 Millionen ohne Arbeit", meint ein Redakteur der pakistanischen Nachrichtenagentur APP in Islamabad.

Für ihn sind es gerade die arbeitslosen jungen Männer, die den Geistlichen und Politikern der radikalen islamistischen Parteien hinterher rennen, sich in Listen für den Dschihad einschreiben und sich mit der Polizei zu Wochenbeginn Straßenschlachten geliefert haben. "Eine Zukunft haben die junge Leute nur, wenn sie Lesen und Schreiben lernen können. Dann werden sie auch den Extremisten nicht mehr alles glauben, sich selbst entscheiden", sagt der Redakteur. Aber ein Land mit 30 Milliarden Dollar Schulden und 3 Millionen afghanischen Flüchtlingen sei irgendwann am Ende.

Die Chance zum Lernen hatte Rafiq. Er sitzt jetzt im Büro des Geldwechslers in Islamabad. Er handelt mit den immer weniger werdenden Kunden die Kurse aus und hat vor allem den Wunsch, dass das in Afghanistan ganz schnell zu Ende geht. "Ich weiß wenig über Amerika, wenig über Europa. Aber Hass macht alles kaputt", sagt Rafiq.

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