Heftige Auseinandersetzung droht
Reisebüros drohen Lufthansa mit Boykott

Nur wenige Monate nach dem Pilotenstreik steht der Lufthansa eine möglicherweise ähnlich heftige Auseinandersetzung mit den deutschen Reisebüros ins Haus. Grund ist nach Angaben des Deutschen Reisebüro- und Reiseveranstalterverbandes (DRV) das von 2002 an geplante neue Provisionssystem für den Verkauf von Flugtickets.

Reuters FRANKFURT/HANNOVER. "Die bisherigen Berechnungen der Lufthansa stimmen nicht. Wir kommen auf katastrophale Werte. Fast alle Reisebüros würden nach dem neuen Modell Einnahmen verlieren", sagte DRV-Präsident Klaus Laepple der Nachrichtenagentur Reuters. "Die Stimmung ist sehr gereizt", sagte Laepple. Selbst ein Boykott sei nicht auszuschließen.

Lufthansa-Bereichsvorstand Thierry Antinori hält die Kritik für unbegründet. "Wir wollen kein Geld aus dem Markt nehmen", sagte der Lufthansa-Vertriebschef. Das Provisionssystem müsse an die Forderungen der Europäischen Union angepasst werden. "Es geht um eine Umstellung, nicht um eine Kürzung", sagte Antinori. Das neue Modell müsse vielleicht noch besser erklärt werden. Er hoffe nach wie vor auf eine Einigung bis Ende August.

Von Januar 2002 an will Lufthansa die Entgelte für den Verkauf von Flugtickets grundlegend umstellen. Bisher waren die Provisionssätze zwischen fünf und neun Prozent am Umsatz orientiert. Bei teureren Tickets erhöhten sich die Einnahmen für die Agenturen. Hinzu kamen Zuschläge für hohe Umsätze, die bei der EU-Kommission besonders auf Kritik gestoßen sind. Künftig soll es einen nach Entfernung und Flugklasse gestaffelten Festbetrag (Flat Fee) geben, ähnlich wie dies British Airways unter dem Druck von EU-Strafgeldern im April in Großbritannien eingeführt hat.

In der Summe geht es nach DRV-Angaben um knapp 250 Millionen Euro, davon 207 Millionen Euro als sogenannte Grundvergütung, die Lufthansa im vorigen Jahr an die Reisebüros in Deutschland zahlte. Die neue Stückprovision der Lufthansa reicht von acht Euro für Inlandsflüge in der Economy-Klasse bis zu 150 Euro bei Intercontinentalflügen in der ersten Klasse. Hinzu kommen Zuschläge ("Incentives") für Flüge in der Nebensaison und auf Nachfrage schwachen Strecken. Wenn einzelne Reisebüros zunächst Einbußen hätten, bestehe die Chance, sie mehr als auszugleichen, sagte Antinori. "Wir wollen den Reisebüros nicht schaden. Wir brauchen sie." Von 41,3 Millionen Fluggästen der Lufthansa würden mehr als 90 Prozent der Tickets über Reisebüros verkauft. Selbst bei einem geplanten Anteil des Direktverkaufs vor allem per Internet von 25 Prozent bis 2005 blieben die Reisebüros ein wichtiger Partner.

Betroffene Reisebüros rechneten das Modell nach und kamen zu anderen Ergebnissen als die Fluggesellschaft. "Selbst die Lufthansa-Service-Center verlieren zwischen sieben und elf Prozent ihrer Einnahmen", sagte Laepple. Der DRV rief dazu auf, die Änderungskündigungen der Lufthansa nicht zu unterzeichnen. So hat bisher nur ein kleiner Teil knapp 5000 Agenturen mit Lufthansa-Verträgen die neue Vereinbarung unterschrieben, obwohl die Frist an diesem Donnerstag auslaufen sollte. Vertriebschef Antinori ließ sie inzwischen bis zum 31. August verlängern. Bis dahin will Lufthansa anhand einer neuen Berechnung für mehr als 270 repräsentativ ausgewählte Reisebüros ihr Modell noch einmal erläutern. Antinori: "Wir werden alles transparent machen."

Dageben bleibt der DRV skeptisch. "Ich kann mir vieles vorstellen, aber nicht, dass die Berechnungen ergeben, dass dieses Modell trägt. Ich gehe davon aus, dass nachgebessert werden muss", sagte Präsident Laepple. Zudem lässt der DRV das Flat Fee-Modell auch noch rechtlich auf die Vereinbarkeit mit dem deutschen Handelsrecht prüfen. Denn auf Lufthansa werden auch alle anderen Fluggesellschaften des weltweiten Zusammenschlusses Star Alliance folgen. Laepple: "Uns liegen wortgleiche Kündigungen von Lufthansa-Partnern vor."

Insbesondere kleinere Reisebüros sehen sich wirtschaftlich mit dem Rücken an der Wand. Der DRV hat für sie eine Nettorendite von 0,6 bis 1,1 Prozent errechnet. Bereits seit dem vorigen Jahr verlangen viele Reisebüros infolge von Provisionskürzungen von Lufthansa oder auch der Deutschen Bahn Service-Gebühren von ihren Kunden beim Ticketverkauf. Die neuerliche Änderung der Provision sei bereits die dritte innerhalb weniger Jahre, sagte Laepple. Ein weitere Verschlechterung sei nicht mehr verkraftbar. "Die Bereitschaft, hier zu rigideren Methoden zu greifen, gerade nach dem Beispiel des Pilotenstreiks der Vereinigung Cockpit, scheint jetzt auch bei den Reisebüros vorhanden zu sein."

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