Heftige Diskussionen in Finanzkreisen: Gut für die Börse - ein Rückschlag für Europa

Heftige Diskussionen in Finanzkreisen
Gut für die Börse - ein Rückschlag für Europa

Für eine gleichermaßen spektakuläre wie umstrittene Übernahme greift Frankfurts Börsenchef Werner Seifert ein Jahr nach dem Börsengang des Unternehmens tief in die Tasche. Stattliche 1,75 Mrd. Euro lässt sich die Deutsche Börse AG die vollständige Kontrolle des Wertpapierabwicklers Clearstream kosten, an dem sie bisher nur zur Hälfte beteiligt war.

Der hohe Preis mag auf den ersten Blick überraschen. Immerhin wird die nur Experten bekannte Firma mit Sitz in Luxemburg weitaus höher bewertet als etwa die Londoner Börse, eines der Symbole des globalen Börsen-Kapitalismus schlechthin. Dies zeigt die Bedeutung des eher unscheinbaren Geschäfts mit der Abwicklung von Wertpapiertransaktionen (Clearing & Settlement) und der Verwahrung der Papiere für die internationalen Finanzmärkte. Erst eine reibungslose Abwicklung schafft die Voraussetzung dafür, dass die hoch bezahlten Händler der Banken täglich mit Milliarden jonglieren können.

In der Strategie der Börse spielt die Abwicklung seit längerem eine zentrale Rolle: Sie will sich als "One Stop"-Anbieter im Wertpapiergeschäft profilieren, der neben dem Handel auch Abwicklung und Verwahrung beherrscht - mit der Clearstream-Übernahme kommt sie auf diesem Weg ein gutes Stück voran.

Heftige Diskussion in Finanzkreisen

Bemerkenswert ist die Übernahme aber auch wegen der heftigen Diskussionen, die sie in Finanzkreisen auslöste. Als sich der Deal in den letzten Tagen abzeichnete, drohten mit JP Morgan Chase und UBS Warburg gleich zwei Großbanken öffentlich, ihre Wertpapiere künftig nicht mehr bei Clearstream, sondern bei dessen schärfstem Konkurrenten Euroclear zu verwahren - ein Novum in der ansonsten auf Verschwiegenheit bedachten Bankenwelt.

Diese Drohgebärde ist Ausdruck von tief greifenden Meinungsunterschieden in der Frage, wie Börsentransaktionen billiger werden können. Während Europas Anleger inländische Aktien noch relativ kostengünstig erwerben können, müssen sie beim Kauf ausländischer Papiere hohe Gebühren in Kauf nehmen. Neben unterschiedlichen rechtlichen Rahmenbedingungen in den einzelnen EU-Ländern ist daran vor allem die Zersplitterung der europäischen Börsen- und Abwicklungslandschaft schuld. Galt bis zur gescheiterten Fusion zwischen Frankfurt und London zur Superbörse IX ein Zusammenschluss der Börsen (sprich: Handelsplattformen) als Königsweg für mehr Effizienz im Wertpapiergeschäft, steht mittlerweile die Abwicklung im Zentrum der Diskussion. Erstens zeigte das Scheitern von IX, wie leicht nationale Ressentiments Börsenfusionen torpedieren können. Zweitens reift die Erkenntnis, dass eine Konsolidierung des kostenträchtigen Abwicklungsgeschäfts vermutlich weitaus höhere Einsparungen bringen dürfte als eine Fusion der Börsen selbst.

Höchst unterschiedlich sind indes die Auffassungen darüber, wie die Kosten am besten gesenkt werden. Die Deutsche Börse setzt auf eine enge Verzahnung von Handel und Abwicklung, die weitgehend automatisierte Wertpapiertransaktionen (Straight-through- processing) ermöglichen soll. Die europaweite Konsolidierung soll dann der Markt regeln - im börslichen Konkurrenzkampf wähnt sie Frankfurt dabei zu Recht im Vorteil gegenüber den großen Rivalen, der Londoner Börse und Euronext, die keinen Abwickler haben.

Internationale Investmentbanken besorgt

Doch stößt die "vertikale Integration" von Handel und Abwicklung auf Widerstände. Internationale Investmentbanken sorgen sich, dass damit die Bereinigung des Abwickler-Marktes verhindert wird. Sie liebäugeln mit einem einzigen, paneuropäischen Abwickler, dem sich theoretisch alle Börsen anschließen könnten. Nach dem Vorbild der amerikanischen Abwicklungsorganisation DTCC soll dieser als Non-Profit-Organisation unter der Kontrolle der Banken funktionieren. Den Grundstein sollte die Fusion der beiden größten der rund 20 europäischen Abwickler legen, Clearstream und Euroclear. Doch wies Clearstream kürzlich ein Fusionsangebot von Euroclear brüsk zurück - es ist ein offenes Geheimnis, dass dabei der Widerstand der Börse im Clearstream-Board ausschlaggebend war.

Aus Sicht deutscher Banken und Anleger muss dies nicht unbedingt ein Nachteil sein - zumindest nicht auf kurze Sicht. Denn jetzt bietet sich die Chance, erst einmal den nationalen Aktienhandel effizienter zu gestalten. Bisher hapert es an vielen Stellen. Die deutschen Banken, von denen viele die Clearstream-Übernahme unterstützen, klagen lauthals über den schlechten Service des Abwicklers. Nach der vollständigen Integration von Clearstream kann die Börse durchgreifen und die Kosten - hoffentlich - drücken.

Auf längere Sicht könnte sich der Deal aber als Nachteil für den Finanzplatz Deutschland entpuppen. Schließlich kann Seifert jetzt nach Belieben an der Gebührenschraube drehen und womöglich das Auftauchen unliebsamer Konkurrenten - sowohl von Börsen als auch von Abwicklern - erschweren.

Frankfurt hat einen Vorteil gegenüber den Rivalen London und Euronext .

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%