Heftige Kritik an den Medien von allen Parteien
Kokainfunde sollen Ältestenrat beschäftigen

Die angeblichen Kokainfunde in 22 Toiletten des Reichstagsgebäudes beschäftigen nun den Ältestenrat des Bundestages und die Berliner Staatsanwaltschaft. Auf der politischen Ebene wurde zugleich heftige Kritik an den Medien laut.

dpa BERLIN. Insbesondere das Magazin "Akte 2000" des Fernsehsenders Sat.1, das eine Untersuchung zu den Drogenspuren vorgelegt hatte, geriet ins Schussfeld der Kritik. Das Magazin hatte berichtet, bei einem Test seien Kokainspuren in 22 von 28 Toiletten im Reichstagsgebäude sowohl in den Bereichen der Fraktionen als auch in der Präsidialebene festgestellt worden.

Thierse bittet Staatsanwaltschaft sich der Sache anzunehmen

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) sagte: "Man kann nur die Berliner Staatsanwaltschaft bitten, sich dieser Sache anzunehmen." Wenn etwas an dem Vorwurf dran sei, müsse sich die Justiz darum kümmern, sagte er dem Sender NDR 4 Info. "Die Bundestagsverwaltung kann keine Ermittlungen anstellen, wir sind keine Kriminalisten." Gleichzeitig kritisierte Thierse aber den Bericht. Er frage sich angesichts der vielen Menschen, die im Reichstag verkehrten, gegen wen sich die Verdächtigung richte und ob die Behauptung aufgestellt werden solle, dass alle in diesem Lande "koksten": "Was für eine unerhört interessante Botschaft."

Ein Justizsprecher sagte, es gebe noch kein offizielles Ermittlungsverfahren. Es werde geprüft, ob ein Anfangsverdacht begründet sei. Die Staatsanwaltschaft will den Fernsehsender Sat.1 bitten, das Material zu dem Thema herauszugeben. Dies könnten beispielsweise Videos und Schriftstücke sein, sagte eine Sprecherin.

Ältestenrat des Parlaments wird sich mit dem Thema befassen

Der Ältestenrat des Parlaments wird sich auf Antrag der FDP voraussichtlich mit dem Thema befassen. Der Parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Fraktion, Jörg van Essen, sagte: "Das ist eine Geschichte mit so vielen Fragezeichen, damit muss sich der Ältestenrat beschäftigen." Van Essen wollte nicht ausschließen, dass auch im Reichstag Kokain konsumiert werde. "Da halten sich so viele Menschen auf, das ist ein Schnitt quer durch die Gesellschaft.

Jagd nach Quote lässt Journalismus "auf der Latrine ankommen"

Union, SPD und Bündnis 90/Die Grünen kritisierten die Medien wegen der Berichterstattung zu den angeblichen Kokainfunden. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Christa Nickels (Grüne) warf der Redaktion von "Akte 2000" vor, in erster Linie ein Interesse an der Erhöhung von Einschaltquoten zu haben. Die Art der Recherche mit der Probenentnahme durch einen Journalisten sei problematisch und unseriös, sagte sie der dpa. "Keiner weiß, was die Journalisten gemacht haben, die Umstände der Aktion sind unklar." Es sei unbestritten, dass es keine suchtfreien Räume in der Gesellschaft gebe. Auch im Bundestag oder in Ministerin bestehe ein Suchtrisiko. Es lasse sich daraus aber kein überproportionaler Konsum ableiten.

Der Parlamentarische Geschäftsführer der Unionsfraktion, Manfred Grund, sagte: "Der deutsche Journalismus ist auf der Latrine angekommen." Es sei unglaublich, wenn nun mit Läppchen auf Toiletten herumgewischt werde. Er wehre sich dagegen, dass Abgeordnete zunehmend unter Generalverdacht gestellt würden.

Der drogenpolitische Berichterstatter der SPD-Fraktion, Hansjörg Schäfer, erklärte: "Es kann nicht angehen, dass von der Jagd nach Quote getriebene Berichterstatter Volksvertreter pauschal an den Drogenpranger stellen." Schäfer zweifelte die Seriosität des Untersuchungsergebnisses an. "Die hohe Trefferquote macht mich schon stutzig, suggeriert sie doch, dass auf allen Fluren und Toiletten des Reichstages munter gekokst wird."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%