Heftige Kritik an Frank Bsirske
Verdi-Chef kämpft um Rückhalt

Dem im Aufsichtsrat der Lufthansa umstrittenen Verdi-Chef Frank Bsirske weht gut zwei Wochen vor der konstituierenden Sitzung des Kontrollgremiums der Wind ins Gesicht. Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) will ihm auf der anstehenden Hauptversammlung die Entlastung verweigern. Auch die Arbeitnehmerseite im Kontrollgremium steht noch nicht geschlossen hinter dem Gewerkschaftschef.

Nach Informationen aus dem Aufsichtsrat haben sich die übrigen Belegschaftsvertreter wie die Gewerkschaft Unabhängige Flugbegleiter (Ufo) noch nicht entschieden, ob sie Bsirske bei der Wahl zum stellvertretenden Aufsichtsratschef unterstützen werden. Ufo ist auf Verdi besonders schlecht zu sprechen, da die Großgewerkschaft den Flugbegleitern vor Gericht den Gewerkschaftsstatus streitig macht. Am kommenden Freitag treffen sich die Kontrahenten erneut vor dem Arbeitsgericht Darmstadt. "Dann werden wir uns genau anschauen, mit welcher Verve Verdi ihre Argumente vertritt", heißt es bei Ufo.

Bsirske war zu Jahresbeginn als Lufthansa-Aufsichtsrat massiv in die Kritik geraten: Als Verdi-Chef hatte er im Tarifstreit des öffentlichen Dienstes zu Warnstreiks an den Flughäfen Frankfurt und München aufgerufen - und so erhebliche Beeinträchtigungen im Lufthansa - Flugverkehr ausgelöst. Für DSW - Hauptgeschäftsführer Ulrich Hocker hat er seine Pflichten als Aufsichtsrat "grob verletzt".

In der Tat müssen Aufsichtsratsmitglieder laut Aktiengesetz Schaden vom Unternehmen abwenden. Allerdings, kontert Bsirske ebenfalls mit rechtlichen Argumenten: Nach höchstrichterlicher Rechtsprechung seien Streikrecht und Repräsentanz von Gewerkschaftsvertretern in Aufsichtsräten miteinander vereinbar. "Ich denke, das sollten auch Aktionäre respektieren", meinte Bsirske auf Anfrage.

Allen Beschwerden zum Trotz muss er um den Vize-Posten wohl nicht ernstlich bangen, wenn im neu gewählten Aufsichtsrat die Ämter verteilt werden. Das geschieht auf der konstituierenden Sitzung nach der Aktionärsversammlung am 18. Juni in Köln. Zwar hat Verdi seit der Neuwahl der Aufsichtsratsvertreter Mitte Mai nur noch fünf von zehn Sitzen auf der Arbeitnehmerbank. Doch in einem zweiten Wahlgang müsste er nicht mehr zwei Drittel der Stimmen auf sich vereinigen, sondern nur noch eine einfache Mehrheit. Und Bsirske ist der einzige profilierte und prominente Gewerkschafter im Gremium.

Dennoch baut die Konkurrenzorganisation Ufo ihre Position stetig aus. Bei der Aufsichtsratswahl gewann sie bereits zwei Mandate. Verdi hat daher für die kommende Woche nach Hannover geladen, um die übrigen Arbeitnehmervertreter hinter sich zu bringen. Das zeigt das Dilemma der Großgewerkschaft: Sie will zwar die Konkurrenz klein halten. Doch je mehr sich berufsspezifische Interessenvertretungen bei Lufthansa etablieren, desto häufiger ist Verdi auf Schützenhilfe angewiesen. "Für Verdi geht es ums Überleben in der Branche", sagt ein Nicht- Verdi-Gewerkschafter.

Würde Bsirske geschwächt, käme das der Lufthansa durchaus zupass. Denn seine Doppelfunktion ist auch Konzernvertretern ein Dorn im Auge. Offiziell will sich zwar niemand von der Kapitalseite äußern. Doch intern heißt es: "Dass ein Gewerkschaftsfunktionär das Innenleben des Unternehmens so gut wie kaum ein anderer kennt, macht uns Kopfzerbrechen."

Nebenbei ist der kampferprobte Verdi-Chef Gegenwind gewohnt. Vor kritischen Aktionären auf der Hauptversammlung wird er sich jedenfalls kaum fürchten - zumal er vielen von ihnen in einer anderen Streitfrage durchaus aus der Seele sprechen wird. Eine Anhebung der Aufsichtsratsbezüge, wie sie die Lufthansa trotz schwerer Branchenkrise plant, lehnt Bsirske ab. "Wenn man wegen der schwierigen wirtschaftlichen Lage von den Beschäftigten eine Absenkung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich verlangt, passt eine solche Anhebung der Aufsichtsratsbezüge nicht in die Zeit", sagt er und fordert das Kontrollgremium auf, die Pläne zu überdenken: "Das wäre ein gutes Signal an die Belegschaft."

Nach den Lufthansa-Plänen können sich die Bezüge des Aufsichtsratschefs, dessen Position - Cromme-Kommission hin oder her - vom scheidenden Lufthansa-Chef Jürgen Weber übernommen wird, künftig von 62 000 Euro auf bis zu 165 000 Euro erhöhen. Bsirske könnte als Vize danach künftig bis zu 82 500 Euro statt bisher rund 31 000 Euro erhalten, vorausgesetzt, die Dividende liegt wieder auf Vorjahreshöhe von 60 Cent. Persönlich hätte er allerdings wenig davon: Gewerkschaftsmitglieder dürfen maximal 4 600 Euro je Mandat behalten. Jenseits von 32 500 Euro müssen sie Bezüge voll an die gewerkschaftliche Hans-Böckler-Stiftung abführen.

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