Heftige Kritik von Baumann
Beim DLV läuten die Alarmglocken

Heftige Kritik von Dieter Baumann, schlechte Perspektiven und Beruhigungspillen vom Leistungssportchef Rüdiger Nickel: Beim Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) läuten nach dem verpatzten WM-Auftakt in Paris die Alarmglocken.

HB/dpa PARIS. "Wir haben gar keinen Mittelbau. Wir haben eine ganze Generation verschlafen", sagte Olympiasieger Baumann, der sich mit seinem Ausstieg über 10 000 m nahtlos in die Ausfälle eingereiht hat, und forderte langfristige Konsequenzen: "Jedes Jahr kommt man mit einem blauen Auge davon oder nicht. Aber die Grundstruktur, die nicht stimmt, wird nicht verändert."

Im DLV-Sponsoren-Club auf der noblen Tennisanlage "Roland Garros" spielten sie am Sonntagabend drei Mal die Siegerhymne "Stand up for the Champions" - für Kugelstoßer Ralf Bartels (6.), Geherin Melanie Seeger und Siebenkämpferin Sonja Kesselschläger (beide 8.). Aber auch die lautstarken Töne heiterten die Stimmung nicht auf. "Hektik zu verbreiten, wäre jetzt fehl am Platz", appellierte Nickel an das Durchhaltevermögen seiner 62 WM-Teilnehmer. Nicht nur der Delegationschef hatte im Stade de France zur Kenntnis nehmen müssen, "dass es ein himmelweiter Unterschied ist, ob wir uns mit Europa oder der Welt messen".

Gefordert: Nachwuchsförderung

"Die zunehmende Kommerzialisierung" der olympischen Kernsportart ist für Verbandschef Clemens Prokop der Hauptgrund dafür, dass immer mehr Länder vorne mitmischen und die DLV-Athleten Mühe haben, Anschluss zu halten. "Es ist ganz klar, dass wir Schwierigkeiten bekommen, wenn wir hier nicht erfolgreich sind - auch finanziell", weiß Nickel. Bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen werde nun mal der große Kuchen verteilt. Und im Wettstreit mit anderen Sportarten um Marktanteile hat der DLV zuletzt ohnehin an Boden verloren. Die Konsequenzen kennt der deutsche Delegationschef auch: "In den Disziplinen, wo wir keine Erfolge haben, werden wir uns ausschließlich auf Nachwuchsförderung konzentrieren."

"Entweder man hat ein starkes Team mit starken Einzelkönnern oder nicht. Wir haben nur noch vereinzelt gute Einzelkönner", bemängelte Baumann. Für den 38-jährigen Schwaben gibt es dafür mehrere Gründe: "Man will alles zentral verwalten beim DLV" und sei von der "Nesterpflege" völlig weggekommen. Zudem könnten die tollen Ergebnisse bei Junioren-EM und-WM nicht umgesetzt werden. "Und eine Vielzahl von Athleten machen nichts anderes als Sport. Vielleicht ist das gar nicht gut." So sei die Bundeswehr, die vielen WM-Teilnehmern den Rücken frei hält, ein "holpriger Weg".

Dort müssten die Sportler Jahr für Jahr um ihre Weiterbeschäftigung kämpfen und würden nichts anderes mehr im Auge haben. "Wenn die Leute die Qualifikation haben und ihre Plätze gesichert sind, ist die Luft draußen", sagte Baumann. Prokop räumte zwar eine "Monokultur" ein, betonte aber: "Ohne die Bundeswehr könnten viele keinen Leistungssport betreiben und wären auch viele unserer Erfolge nicht möglich." DLV-Vizepräsident Nickel will nun mit "kreativen Ideen die Talente, die wir haben, fördern". Mit einem Federstrich, sagte er, sei die Situation allerdings nicht zu verbessern.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%