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Heftiger Streit um Bericht zur Kinderarmut

Die Armut von Kindern in Deutschland hat sich weiter verschärft. Wie es in dem am Montag in Berlin vorgestellten „Kinderreport 2004“ des Deutschen Kinderhilfswerks heißt, sind besonders Kleinkinder und Kinder von allein Erziehenden besonders betroffen.

dpa BERLIN. Die Armut von Kindern in Deutschland hat sich weiter verschärft. Wie es in dem am Montag in Berlin vorgestellten "Kinderreport 2004" des Deutschen Kinderhilfswerks heißt, sind besonders Kleinkinder und Kinder von allein Erziehenden besonders betroffen.

Jedes zehnte Kind unter drei Jahren falle unter die Sozialhilfe. Insgesamt sind zum Jahresende 2002 laut Report gut eine Million Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren von Sozialhilfe betroffen gewesen. Familienministerin Renate Schmidt (SPD) wies die Zahlen der Organisation als "fernab jeglicher Realität" zurück.

Der Präsident des Kinderhilfswerks, Thomas Krüger, warnte, eine weitere Verschärfung durch die Arbeitsmarktreform Hartz IV könne nur abgefangen werden, wenn die darin enthaltenen Erleichterungen für Sozialhilfeempfänger mit Kindern tatsächlich umgesetzt und zugleich die Betreuungsangebote ausgebaut würden. Der Autor des Reports, der Armutsforscher Thomas Olk (Halle-Wittenberg), hatte am Wochenende vorausgesagt, dass mit der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe vom 1. Januar an weitere 1,5 Millionen Kinder mit der Sozialhilfe ihrer Eltern zurecht kommen müssten.

Renate Schmidt sagte, durch Hartz IV seien 250 000 Kinder zusätzlich vom neuen Arbeitslosengeld II betroffen. Von Januar 2005 an werde es dafür aber erstmals ein gesetzliches Instrument zur gezielten Bekämpfung der Kinderarmut geben. Mit bis zu 140 Euro pro Kind und Monat sollen Eltern unterstützt werden, deren Einkommen nicht für den Kinderunterhalt ausreicht.

Auch der Schirmherr, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, griff den Autor des Reports, den Armutsforscher Thomas Olk (Halle- Wittenberg), heftig an. Er sprach im Zusammenhang mit Olks Prognosen von einer "hysterischen Kommunikation". Thierse kritisierte bei der Vorstellung des zweiten Reports dieser Art eine "strukturelle Rücksichtslosigkeit und Gleichgültigkeit" in Deutschland gegenüber Kindern. Laut Umfragen entschieden sich 83 Prozent vor allem aus finanzieller Sorge gegen Kinder. "In keinem Land der Welt ist die Zahl der Kinderlosen so hoch wie in Deutschland", sagte Thierse. Ein Kinder freundliches Land müsse auch ein Eltern freundliches Land sein und dies hänge wiederum eng mit dem Angebot auf dem Arbeitsmarkt vor allem für Frauen zusammen.

Armut bedeutet nach Angaben des Kinderhilfswerks, in einem Haushalt mit weniger als 50 Prozent des durchschnittlichen deutschen Haushaltseinkommens zu leben. Dies meine keine Armut unter Brücken, sagte Autor Olk. Sie sei vielmehr immer im Verhältnis zur Gesellschaftsstruktur zu sehen. Armut sei folglich nicht nur eine Geldfrage, sondern ebenso eine Frage des sozialen Umfeldes und der damit verbundenen Chancen.

Beeinträchtigt würden diese bereits vor der Geburt etwa durch das Risikoverhalten der Mütter bei Alkohol- oder Zigarettenkonsum. Wenn den Eltern die Situation später entgleite, könne dies entweder zu Gewalttätigkeit gegen die Kinder oder zu Vernachlässigung führen: kein morgendliches Wecken, kein Pausenbrot, keine Schulreisen. So oder so leide das Kind und ziehe sich mehr und mehr zurück. Zusätzlich schlechte Wohnverhältnisse führten zu einer Form von "Straßenkindheit".

Nach den Worten Thierses bestünden 15 Jahre nach dem Mauerfall im Osten immer noch "deutlich bessere Strukturen für die Kinderbetreuung" als im Westen. Hier bestehe eine der wenigen Möglichkeiten, wo sich der Westen dem Osten anpassen könne. Olk sprach bei der Zahl der Sozialhilfeempfänger von einem Süd-Nord- und einem West-Ost-Gefälle.

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