Heiko Herrlichs schwere Krankheit beschäftigte Börsen- und Kirchenzeitungen
Das neue Leben eines Fußballprofis

Die Prognosen für weiße Weihnachten im Schwarzwald sind prächtig. Auch rund um Waldkirch. Die Eltern von Heiko Herrlich sind hier zu Hause, er hat beim FC Kollnau angefangen mit dem Fußball. "Vor einem Jahr konnte ich mir nicht vorstellen, dass es noch mal Weihnachten wird", sagt Herrlich leise. "Heute", meint er, "freue ich mich auf jeden Tag mit der Familie."

Es wird ein besonderes Weihnachten werden für die Herrlichs. Die Monate nach dem 9. November 2000 erscheinen dem Fußballprofi von Borussia Dortmund wie ein zweites Leben, obwohl in seinem Pass steht, dass er kürzlich, am 3. Dezember, 30 Jahre alt wurde. Die Diagnose, Krebsgeschwür im Mittelhirn, beschäftigte die Nation. In der Dortmunder Kabine saßen die Kollegen, starrten ins Leere, manche weinten. Tausende aufmunternde Briefe kamen, die gesamte Liga war geschockt. Weil der BVB börsennotiert ist, wurde Herrlichs Krankheit sogar als Ad-hoc-Mitteilung an der Börse publik.

Für Heiko Herrlich haben die dunklen Tage voller Angst sein Leben verändert. "Ich habe das neue Leben als Gottes Geschenk angenommen", sagt er. "Ich habe gerade nach dem ersten Schock viel gebetet. Vielleicht war das die glücklichste Zeit in meinem Leben. Ich wollte jeden Tag genießen. Was bringt es zu jammern, wenn ich nur noch eine Woche zu leben habe?"

Aus seinem tiefen Glauben machte er nie einen Hehl, auch wenn manche ihn als komischen Typen einstuften, der sogar auf dem Klo die Bibel liest und wie alle Profis zuerst an seinen Vorteil denkt. "Meine Gebete haben mich zur Ruhe kommen lassen, ich war glücklich, weil ich innerlich mit mir im Reinen war", sagt er. Herrlich machte Karriere als gläserner Mensch, an dessen Schicksal alle teilnahmen. Kirchenblätter und Internetseiten christlicher Organisationen berichteten über seinen "Sieg durch Gott", der anderen Mut machen und zeigen sollte wie Optimismus und Zuversicht einen Krankheitsverlauf beeinflussen können.

Strahlentherapie war "wie der Elektrische Stuhl"

"Früher", sagt er, "war ich Musterprofi im negativen Sinn. Wenn ich meine Vollkorn-Nudeln vor dem Spiel nicht hatte oder die Betten schlecht waren, hat mich das aufgewühlt. Ich war verbissen, stand mir selbst im Weg." Als er im Uefa-Cup die Dortmunder mit seinem ersten Tor nach der Genesung in die nächste Runde schoss, stand er mit Tränen in den Augen da und schluchzte: "Ich denke jetzt vor allem an die Leute, die so eine Scheiße haben wie ich sie hatte und denen es jetzt schlecht geht."

Der gebürtige Mannheimer kennt die Verzweiflung. Die Strahlentherapie empfand er wie "den Elektrischen Stuhl". Ständiges Übergeben wegen der Chemotherapie. In dieser Zeit gab ihm der Gedanke an seine schwangere Frau und sein Kind neue Kraft. "Das Kind hat mir Kraft gegeben, durchzuhalten." Er hatte ein neues Ziel. Egal wie sein Kampf ausgehen würde, "ich wollte mein Kind noch sehen."

Er weiß jetzt, wie wichtig es ist, bewusst zu leben und trotzdem engagiert ans Werk zu gehen. Zuerst lehnte er eine Vertragsverlängerung ab, die die BVB-Führung, "die sich unglaublich um mich gekümmert hat", sofort anbot. Als er den Anschluss schaffte, unterschrieb er bis 2005. Er wollte kein Mitleid und keine Geschenke. "Ich wollte keinen Vertrag, um ihn abzusitzen, ich wollte zurück auf den Rasen, weil ich Leistung bringe", sagt Herrlich über sein neues Wertesystem.

Einmal im Monat muss Heiko Herrlich noch regelmäßig zur Nachuntersuchung. Er geht immer mit einem beklemmenden Gefühl, obwohl die Möglichkeit neuer Geschwüre sehr gering ist. Weiße Weihnachten im Schwarzwald sind viel wahrscheinlicher. Heiko Herrlich freut sich darauf. So sehr wie niemals zuvor.

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