Heilbäder setzen auf Kurzurlaub gegen den Alltagsstress
Geschäft mit der Gesundheit belebt Tourismus und Kurorte

Seit der Gesundheitsreform im Jahr 1996 kommen Krankenkassen nur noch selten für Kuren auf. Um ihre medizinischen und therapeutischen Einrichtungen auszulasten, versuchen Deutschlands Kurorte mit der wachsenden Zahl von Selbstzahlern ins Geschäft zu kommen, die sich vom Alltagsstress erholen und vorbeugend etwas für die Gesundheit tun will.

DÜSSELDORF. Auf der Liege ist eine graugrüne Masse ausgebreitet. Sie riecht nach Schwefel und strahlt Hitze ab. Mit sanftem Druck treibt Bademeister Arturo den Klienten hinein in den Brei. Dann packt er ihn fest mit Wolldecken ein. Die etwas über 40 Grad heiße Masse treibt den Schweiß auf die Stirn, doch schnell stellt sich Wohlbefinden ein.

So widerfährt es dem Urlauber, der sich eine Fango-Kur im noblen Grand Hotel im weltberühmten Abano Terme in Oberitalien gönnt. Die Zeiten haben sich geändert: Statt des kargen Alltags einer Kurklinik erwarten den kurenden Urlauber alle Annehmlichkeiten eines Vier- Sterne-Hotels. Der Unterschied zur üblichen dreiwöchigen Pflichtkur: Der Patient zahlt selbst. Das Grand Hotel Abano Terme ist ein Beispiel für die Entwicklung des zweiten Gesundheitsmarktes - dem Markt für Selbstzahler. Hier liegt die Zukunft von Tourismusindustrie und Kurorten gleichermaßen.

Seit der Gesundheitsreform im Jahr 1996 kommen Krankenkassen nur noch selten für Kuren auf. "Die Zahl der Verordnungen ist von 800 000 in den 80er-Jahren auf 160 000 eingebrochen", berichtet Bodo Scholz, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Heilbäderverbandes in Bonn. Um ihre medizinischen und therapeutischen Einrichtungen auszulasten, versuchen Deutschlands Kurorte mit der wachsenden Zahl von Selbstzahlern ins Geschäft zu kommen, die sich vom Alltagsstress erholen und vorbeugend etwas für die Gesundheit tun will.

Abkehr von längeren Fernreisen

Mit ganzheitlichen Konzepten wie die "Symphonie der Sinne" für Körper, Geist und Seele bauen sich die Kurorte ein neues Standbein auf: den Wellness-Kurzurlaub. Nach Feststellung des Deutschen Hotel- und Gast- stättenverbands konnten sie die Übernachtungszahl dadurch steigern. Was für die Kur-Branche eine rettende Alternative darstellt, ist für den Tourismus ein wichtiges Wachstumsfeld. Denn die restriktive Haltung der Krankenkassen bei Kuren, Massagen oder Krankengymnastik hat das Bewusstsein für die eigenverantwortliche Gesundheitsvorsorge geschärft. Das schlägt sich in den Urlaubsgewohnheiten nieder. "Immer mehr Menschen sind bestrebt, etwas für sich, die eigene Gesundheit und das Wohlbefinden zu tun", bestätigt Karl-Anton Schettmaier, Vorstandssprecher der Steigenberger Hotel AG.

Die Reisebranche registriert eine Abkehr von längeren Fernreisen zum inländischen Kurzurlaub mit Well- ness-Flair. "Das verkauft sich besonders gut", berichtet Guido Schild, Direktor für Unternehmensentwicklung bei Karstadt Quelle, über die Kon- zern-Tochter Thomas Cook. Konkurrent Tui erlebt in diesem Segment ein "rasantes Wachstum", seit der hannoversche Konzern seine verschiedenen Programme 1998 unter Tui Vital neu geordnet hat. "Das Thema ist vom Lifestyle der späten 90er-Jahre geprägt", beschreibt Astrid Clasen-Czaja, Produktmanagerin Tui Vital, das gehobene Niveau, in dem Gesundheitsurlaub stattfindet. Tui macht etwa 1,5 % des Deutschland-Umsatzes mit Tui Vital. Laut Clasen-Czaja wird hier zu Lande ein Potenzial von 1,1 Millionen Wellness-Reisenden pro Jahr gesehen: "Wir gehen nach einer leichten Schwächephase 2003 von zweistelligen Wachstumsraten pro Jahr aus." Steigenberger kann den Umsatzanteil noch nicht genau beziffern, registriert aber allein 2003 ein Wachstum von 15 % unter den Gästen, die sich für Wellness und Beauty interessieren

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Nächste Folge: Sportartikel

@Weitere Informationen zu dieser Serie lesen Sie unter: www.handelsblatt.com/wellness

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