Heilung war nicht in Sicht
Hannelore Kohl nahm sich selbst das Leben

Die Frau des Altkanzlers hat nach Angaben des Berliner Büros von Helmut Kohl Selbstmord begangen. "Auf Grund der Hoffnungslosigkeit ihrer gesundheitlichen Lage entschloss sie sich, freiwillig aus dem Leben zu scheiden", hieß es in einer Mitteilung. Hannelore Kohl litt seit sieben Jahren an einer schmerzhaften Lichtallergie.

rtr/dpa LUDWIGSHAFEN. Die Staatsanwaltschaft Frankenthal hat den Selbstmord von Hannelore Kohl als juristisch geklärt bewertet. Die Ermittlungen seien abgeschlossen, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Lothar Liebig nach einer Besichtigung des Kohl-Hauses in Ludwigshafen-Oggersheim. "Die Überprüfung hat ergeben, dass ein Fremdverschulden eindeutig ausgeschlossen werden kann." Dies ergebe sich zum einen aus den Umständen, unter denen Hannelore Kohl gegen 11.15 Uhr am Donnerstag gefunden worden sei, und zum anderen aus Abschiedsbriefen an ihre Familie und Freunde. Es werde auch keine Obduktion der Leiche geben, "da die Auffindungssituation eindeutig war", sagte Liebig weiter. Einzelheiten wollte er nicht nennen. Auf die Frage, wann Frau Kohl gestorben sei, sagte er: "Liegt eher schon zurück." Die konkrete Bestimmung des Todeszeitpunktes sei nicht möglich.

Hannelore Kohl hatte sich nach Angaben des Büros von Altkanzler Kohl "auf Grund der Hoffnungslosigkeit ihrer gesundheitlichen Lage" entschlossen, aus dem Leben zu scheiden. Die 68-Jährige habe seit sieben Jahren an einer schmerzhaften Lichtallergie gelitten, die sie nach einem Rückschlag zwang, die letzten 15 Monate im Privathaus der Familie in Ludwigshafen ohne jedes Tageslicht zu verbringen. "Sie konnte nur nach Eintritt völliger Dunkelheit das Haus verlassen. In jüngster Zeit musste sie immer stärkere Schmerzen und eine zunehmende körperliche Schwäche ertragen."

Durch Penicillin ausgelöst

In der Mitteilung hieß es weiter: "Leider hatten jahrelange, intensive ärztliche Bemühungen im In- und Ausland keinen Erfolg, da ihr Fall von Lichtallergie äußerst selten und kaum medizinisch erforscht ist." Die Krankheit war 1993 durch eine Behandlung mit Penicillin ausgelöst worden.

Wie aus dem Freundeskreis der Familie Kohl bekannt wurde, entdeckte die Ehefrau von Kohls Chauffeur Eckhard Seeber die Leiche am Morgen. Die Frau hilft häufig im Haushalt und hat einen eigenen Schlüssel zum Bungalow der Kohls in Oggersheim. Die Polizei riegelte den Wohnort der Kohls in der Marbacher Straße im Ludwigshafener Stadtteil Oggersheim nach Bekanntwerden der Todesnachricht weiträumig ab. Ein Großaufgebot von Beamten in Zivil und Uniform hinderte Journalisten am Betreten der Straße. Selbst Anwohner konnten nur in Polizeibegleitung zu ihren Häusern gelangen.

Kondolenzbrief von Gorbatschow

Der frühere sowjetische Präsident Michail Gorbatschow hat die verstorbene Hannelore Kohl als "wunderbare Frau" gelobt. "Das Gefühl des Verlustes spüren alle mit Dir gemeinsam, denen es vergönnt war, diese wunderbare Frau kennen zu lernen", schrieb Gorbatschow in einem Kondolenzschreiben an Altbundeskanzler Helmut Kohl am Donnerstag, wie die Agentur Interfax meldete. Kohl hatte im August 1999 an der Beerdigung von Gorbatschows Frau Raissa in Moskau teilgenommen. Seit den Verhandlungen um die deutsche Wiedervereinigung im Jahr 1990 gelten beide Politiker als Freunde. Auch der ebenfalls mit Kohl befreundete frühere russische Präsident Boris Jelzin schickte ein Beileidstelegramm an den Altbundeskanzler.

Herzog verabschiedet sich "von einer guten Freundin"

Mit großer Trauer hat der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog auf den Tod von Hannelore Kohl reagiert. "Mein Mitgefühl gilt Helmut Kohl und seinen Söhnen", sagte Herzog, dessen Frau im vergangenen Jahr gestorben war. Hannelore Kohl habe große menschliche Wärme mit Entschlossenheit, natürliche Würde mit herzlicher Direktheit, Bescheidenheit mit großem Pflichtbewusstsein verbunden. "Ich verabschiede mich von einer guten Freundin", sagte Herzog am Donnerstag. "Sie wird uns, die ihr nahe sein durften, fehlen."

Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel würdigte Hannelore Kohl in einer ersten Stellungnahme als mutige und selbstbewusste Frau, die sich vor allem durch ihr soziales Engagement um das Land verdient gemacht habe. Die Verstorbene habe ihrem Mann in allen Phasen seines politischen Lebens beigestanden und sich so auch als "großartige Botschafterin" der CDU erwiesen. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) würdigte Hannelore Kohl als Freundin Berlins, die nach dem Fall der Mauer 1989 den Prozess der Wiedervereinigung maßgeblich gefördert habe. FDP-Fraktionschef Wolfgang Gerhardt sagte, Hannelore Kohl werde als beeindruckende Persönlichkeit in Erinnerung bleiben.



Nur noch selten im Rampenlicht

Die Diplom-Dolmetscherin für Französisch und Englisch war seit 1960 mit dem langjährigen Bundeskanzler und CDU-Vorsitzenden verheiratet. In der Öffentlichkeit trat sie seit der Abwahl ihres Mannes im Herbst 1998 nur selten auf. Während Kohls 16-jähriger Kanzlerschaft hatte sie sich politisch zurückgehalten und spielte die traditionelle Rolle an der Seite ihres Mannes. Nach der Niederlage ihres Mannes gegen Gerhard Schröder (SPD) bei der Bundestagswahl 1998 sagte sie in einem Interview: "Wir haben den Zweiten Weltkrieg überlebt, wir werden auch das überleben. Ich stehe zu meinem Mann." Das Ehepaar hat zwei erwachsene Söhne. An der Hochzeit ihres Sohnes Peter in der Türkei hatte Hannelore Kohl wegen ihrer Krankheit nicht teilgenommen.

Hannelore Kohl hatte sich über viele Jahre hinweg für Unfallopfer mit Verletzungen des zentralen Nervensystems engagiert und war lange Zeit Präsidentin des Kuratoriums ZNS. Unter dem Titel "Kulinarische Reise durch deutsche Lande" gab sie 1996 ein Kochbuch mit Rezepten aus neun deutschen Regionen heraus, zu denen ihr Mann kleine Texte beisteuerte.

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