Heimat feiert Russlands Fußballer
Viel zu früh in ein goldenes Zeitalter

Wie es Russlands Trainer Guus Hiddink in nur zwei Jahren geschafft hat, eine Mannschaft zu formen, die am Samstag Holland im Viertelfinale herausfordert.

INNSBRUCK. Es war wohl etwas mehr als ein Schritt, den die russische „Sprintstaffel“ da gemacht hat. Um, wie es „Sowjetski Sport“ schrieb, „die übrige Welt einzuholen, die sich seit 1988 weit von uns entfernt hat“. Durchschnittlich einen Kilometer mehr hatten die Russen gegen die Schweden auf dem Feld zurückgelegt, Torchancen erarbeiteten sie sich im Minutentakt und auch die von Andrej Arschawin erreichte Höchstgeschwindigkeit von 30 Kilometer pro Stunde hatte Henrik Larsson & Co wie eine Rentnerband aussehen lassen. Am Ende erreichte Russland spielerisch das Viertelfinale am Samstag in Basel gegen die Niederlande.

Fast zwei Jahre ist es jetzt her, dass Russlands Verbandspräsident Vitali Mutko nach dem 0:0 im ersten Heimspiel der EM-Qualifikation gegen Kroatien in die Kabine stürmte und seinen gerade erst verpflichteten Nationaltrainer anblaffte: „Sie sind kein Gott, wie alle sagen.“ Erst recht keiner, der, wie Valeri Gazajew, Trainer von ZSKA Moskau später sagte, die Tradition des russischen Fußballs, geschweige denn die Seele des russischen Volkes verstehen könne.

Guus Hiddink, bekennender Kosmopolit und Nationalheld in Südkorea und Australien, muss in diesem Moment wohl aufgegangen sein, dass er, wie dem 61-Jährigen viele prophezeit hatten, gegen die postsowjetischen Apparatschik-Strukturen nicht ankommen werde.

Doch der Holländer ist ein Stoiker, wenn es um das Erreichen langfristiger Ziele geht. Immerhin haben sie ihn verpflichtet, um der „Sbornaja“ nach Jahren des Niedergangs wieder ein bisschen Spielkultur beizubringen. Das „größere Bild“ sei ihm wichtiger als das Resultat, erklärte Guus Hiddink den ungeduldigen Russen seinerzeit. Ziel sei die WM 2010 in Südafrika, alles andere ein notwendiger Lernprozess. Doch nun hat er die Russen schon zwei Jahre früher zu ihrem größten Erfolg seit dem Erreichen des EM-Finales 1988 geführt und zwischen St. Petersburg und Wladiwostok eine ungeahnte Euphorie ausgelöst.

Auch zwei Jahre nach der Kabinenpredigt trinkt Hiddink noch immer keinen Alkohol. Er ignoriert noch immer die russischen Medien, denn ihre Sprache versteht er nicht. Noch immer fasst er keinen mit Samthandschuhen an und von Funktionären lässt er sich schon gar nicht in seine Arbeit reinreden. Die russische Seele hat er noch nicht ganz verstanden. Seine Spieler lieben ihn allerdings dafür. „Es ist gut, dass wir einen ausländischen Trainer mit solcher Autorität haben“, sagt Mittelfeldspieler Igor Semschow, „ich mag sein Training, die Art, wie er mit uns spricht. Selbst die Theorie findet bei ihm auf dem Platz statt“.

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