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Heimaturlaub

Einmal im Jahr packen wir unsere Sachen und reisen mit der ganzen Familie in den Heimaturlaub nach Deutschland. Nicht nur, um Eltern, Großeltern und Freunde zu sehen. Es ist jedes Mal auch wieder ein Eintauchen in den deutschen Alltag.

Einmal im Jahr packen wir unsere Sachen und reisen mit der ganzen Familie in
den Heimaturlaub nach Deutschland. Nicht nur, um Eltern, Großeltern und
Freunde zu sehen. Es ist jedes Mal auch wieder ein Eintauchen in den
deutschen Alltag. Mit seinen vertrauten Gebräuchen und die einem fremd
gewordenen Macken. Wenn man das eigene Land normalerweise aus der Ferne
be-trachtet, muss man sich an den Blick aus nächster Nähe erst wieder
ge-wöhnen.
An die liebevoll gebundenen Blumensträuße zum Beispiel, die man an fast
jeder Straßenecke für nur 15 Euro bekommt. Etwas, das wohl nur der zu
schätzen weiß, der in New York für lieblos zusammengelegte Stängel 40 Dollar
und mehr bezahlen muss. Schwerer fällt die Heimkehr dann schon im deutschen
Supermarkt. In den engen, vollgestellten Gängen wird der Einkauf schnell zum
Nahkampf. Der K.O. kommt wie immer an der Kasse: Können sie ihre Sachen
nicht schneller auf das Rollband legen?, mosert die genervte Kassiererin.
Diese offen zur Schau getragene schlechte Laune habe ich in Amerika in mehr
als vier Jahren noch nie erlebt.
Natürlich reist man mit den üblichen Stereotypen im Gepäck. Das Land in der
Dauerkrise und Depression, sie wissen schon. Journalisten sind vor den
Schlagzeilen des eigenen Gewerbes nicht gefeit. Doch der kranke Mann Europas
zeigt sich zumindest nach außen noch in recht guter Verfassung. In
anderthalb Stunden mit dem ICE von Hamburg nach Berlin so leise und
schnell wie die nie gebaute Magnetschwebebahn. Dage-gen ist das
amerikanische Pendant, der Schnellzug Acela, eine Bimmelbahn wenn er nicht
gerade wegen schadhafter Bremsen aus dem Verkehr gezogen wurde.
Auch sonst erscheint das Land nicht gerade kurz vor dem Zusammenbruch. Auf
den Straßen findet man eine Vielfalt von Automobil-Designs, gegen die sich
das SUV-Minivan-Einerlei in Amerika wie eine graue Blechlawine ausnimmt. Ein
alter Schulfreund schuftet zwölf Stunden pro Tag in der Bauindustrie. Wir
können uns vor Arbeit kaum retten, sagt er. Andere reisen durch die
Gourmet-Restaurants Deutschlands oder verbringen ihren Som-merurlaub in der
Toskana. Sicher kein repräsentativer Querschnitt, aber doch ein Zeichen für
den nach wie vor großen Wohlstand des Landes.
Dennoch: Aus den Erzählungen und Eindrücken schimmert keine
Auf-bruchstimmung durch. Die meisten bemühen sich vielmehr, das Erreichte zu
bewahren. Das Land lebt von seiner Substanz. Das geht für viele sicher noch
eine Weile gut, aber irgendwann ist der Wohlstandsvorrat aufgebraucht.
Auch im beginnenden Wahlkampf geht es mehr ums Bewahren als um Aufbruch. Die
großen Parteien haben sich längst von der neuen Linkspartei den Schneid
abkaufen lassen und wetteifern nun mit Lafontaine und Gysi um das beste
Bollwerk gegen die Kräfte der Globalisierung. Ein Wahlkampf mit dem Rücken
zur Zukunft, wie die ZEIT treffend kommentiert.
An publizistischen Warnungen vor dem Absturz des einstigen Superstars
Deutschland mangelt es nicht. Die Regale der Buchhandlungen sind voll von
Krisen-Büchern. Ob Staats-, Verfassungs-, Wirtschafts- oder Sinnkrise
alles ist bereits zu Tode analysiert worden. Es gibt wohl kein Volk auf der
Erde, dass sich derart tiefgehend mit sich selbst beschäftigt - ohne dass
der Erkenntnisgewinn zu einem gesellschaftlichen Fortschritt führen würde.
Vielleicht ist die Bildung eine Ausnahme. Hier scheint sich nach dem
Pisa-Schock endlich etwas zu bewegen. Ein wahrer Wettstreit um die besten
Konzepte für die Schulen ist entbrannt. Das lässt hoffen.
Gerade auch für jemanden, dessen Kinder nicht so recht wissen, ob
Deutschland noch ihre Heimat ist oder jemals wieder sein wird. Woher kommst
Du?, wurde meine siebenjährige Tochter kürzlich in ihrer amerikanischen
Schule gefragt. Also geboren bin ich in London, meine Eltern sind Deutsche,
aber zu Hause bin ich in Amerika, war ihre ebenso ehrliche wie für sie
selbst unbefriedigende Antwort.

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