Heimkehr ins Medienreich von Leo Kirch
Kommentar: Einstieg bei EM.TV eröffnet dem Münchner Konzern interessante Optionen

MÜNCHEN. Titel für Leo Kirch gibt es viele: Medienzar, Mogul, Tycoon ... Die vielen Worterfindungen für den 74-jährigen Medienunternehmer, der sich selbst bescheiden Filmhändler nennt, sollten zum Synonym für Größe und Macht werden. Tatsächlich strickte der öffentlichkeitsscheue Winzersohn aus Mainfranken lange an einem europäischen TV-Imperium.

Neben Rupert Murdoch und Silvio Berlusconi war Kirch in den Glanzzeiten des privaten Fernsehens einer der ganz Großen. Auch wenn der Unternehmer glänzende Geschäfte mit dem Free TV erwirtschaftet und die Beteiligungen in Italien und Spanien dem Unternehmen große Freude machen - von einem Konzept eines international operierenden Konzerns hat sich Leo Kirch mittlerweile verabschiedet. Das gilt jedoch nicht für den internationalen Filmrechtehandel. Mit dem Einstieg bei der schwer in Turbulenzen geratenen EM-TV eröffnet sich der Medienkonzern viele neue Möglichkeiten. Kinder- und Zeichentrickprogramme gelten als lukrativer Markt der Zukunft. Im Merchandising lassen sich mit der Senderfamilie Pro Sieben, Sat 1, Kabel 1, N 24 etc. viele Synergien erzielen. Interessant ist für Kirch insbesondere der Kauf der 49 Prozent der EM.TV-Anteile an der Formel 1. Obwohl die Free-TV-Senderechte vorerst noch bei RTL liegen, wird dieses Investment dem Konzern aus dem Münchner Vorort Ismaning zweifellos noch Freude bereiten.

Doch bei Kirch ist bekanntlich nicht alles Gold, was glänzt. Während für Murdoch in Großbritannien das Geschäft mit dem Pay-TV boomt, entwickelt es sich für Kirch zum Milliardengrab. Der ansonsten so clevere Konzerngründer Kirch hat sich beim Einstieg in das Bezahlfernsehen bisher kräftig vertan. Noch hält der Konzernlenker mit eisernem Willen daran fest, Deutschland mit einem Programmbouquet zu beglücken, das kaum ein Zuschauer tatsächlich haben will. Weitere Sportrechte sind hier hoch willkommen. Mit Zusatzdiensten wie E-Mail alleine werden freilich die neuen Zuschauernmillionen nicht erreicht. Das gesamte Investment der Kirch-Gruppe in das Pay-TV beträgt schon jetzt rund 6 Mrd. DM. Erst bei rund 4 Millionen Abonnenten erreicht Kirch die operative Gewinnzone. Heute sind aber kaum mehr als die Hälfte der angestrebten Abonnentenzahl erreicht.

Kirch versucht die gesamte Wertschöpfungskette optimal zu schließen. Dazu passt in idealer Weise der Einstieg bei EM-TV. Thomas Haffa, den "Patrone" Kirch einst vom Autoverkäufer zum Medienmanager kürte, kehrt zur Familie zurück. Der braun gebrannte Selfmademan baute für seinen Ziehvater in den achtziger Jahren das Geschäft um Video und Plüschtieren auf. Am Anfang war Thomas Haffa noch ein Unternehmer von Kirchs Gnaden. Doch mit dem Börsengang von EM.TV im Jahr 1997 glaubte der "Milliardär" tatsächlich zum Medienunternehmer im Stil von Murdoch & Co. aufsteigen zu können. Dieser Traum ist gestern wie eine Seifenblase geplatzt: Haffa ist heimgekehrt. Wie auf wundersame Weise ist Leo Kirch wieder einmal am Ende der Gewinner. Noch immer ist der Alte ein gewiefter Taktiker, von dem die Jungen aus der New Economy noch viel lernen können. Aber unter dem weiß-blauen Himmel ist die Medienwelt nur scheinbar wieder in Ordnung. Denn ob noch "Leichen" im Keller von EM.TV liegen, wissen derzeit nicht einmal Eingeweihte.



Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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