Helden und Feinde
Allianz sucht Partner in Afghanistan

In Washington hat der Krieg zwischen Gut und Böse noch klare Fronten. Doch je mehr man sich dem Schlachtfeld nähert, desto mehr drohen die Gewissheiten im afghanischen Treibsand zu verschwinden.

bi DELHI. Pakistan bietet eine gute Illustration für dieses Problem. Die Ausschaltung der Taliban-Führung gilt neben der Liquidierung des Terrornetzes von El-Kaida als wichtigstes Kriegsziel der US-Allianz gegen den Terror. Dies hinderte Pakistan allerdings nicht daran, Jalaluddin Haqqani, den Kommandanten der Taliban-Armee und Minister für Stammesfragen, in Islamabad zu "Konsultationen" zu empfangen. Statt ihn zu verhaften, pries ihn das Außenministerium als Helden im Kampf gegen die Kommunisten, der "zum Kollaps der Sowjetunion und zur Befreiung Zentralasiens" beigetragen habe.

Die bizarre Szene gibt einen Einblick in das verworrene Spiel der Vielzahl von Figuren und Gruppen, die sich bei der Suche nach einer politischen Lösung in Afghanistan ins Gehege kommen. Sie zeigt auch die verzweifelten Anstrengungen der pakistanischen Regierung, in einem künftigen Arrangement ihre regionalen Interessen einzubringen. Da die Machthaber in Islamabad jahrelang auf die Karte der Islamschüler gesetzt haben, müssen sie nun versuchen, unter ihnen "gemässigte Taliban" ausfindig zu machen. Für Taliban-Gegner wie Indien, Russland, Iran und die Nord-Allianz ist schon der Begriff ein Widerspruch in sich. Doch für Pakistans Präsident Pervez Musharraf gibt es "viele gemäßigte Taliban", die in einer Gesamtlösung berücksichtigt werden müssten. Er zwingt damit die USA, ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel zu setzen. Bei einem Islamabad-Besuch wand sich US-Außenminister Colin Powell, als er von der Taliban-Führung sprach, die es zu eliminieren gelte, zugleich aber die Tür für "verantwortungsbewusste Elemente" offenließ.

Taliban-Feldherr wird in Islamabad mit allen Ehren empfangen

So kommt es, dass der Taliban-Feldherr in Islamabad mit allen Ehren empfangen wird, während sich amerikanische Kommando-Einheiten in der afghanischen Nacht vortasten und nach Taliban-Führern Ausschau halten. Gemäß pakistanischer Lesart ist Haqqani nämlich gar kein Taliban, sondern ein unabhängiger Kommandant. Das stimmt insofern, als er 1996 die zerstrittene Mudschaheddin-Regierung verließ und seine Milizen in den Dienst der Taliban stellte. Doch zugleich gilt er als Vertrauensmann des pakistanischen Geheimdienstes ISI, für den er um die Stadt Khost eine Reihe von Trainingscamps einrichtete. Es ist wahrscheinlich, dass auch Osama bin Laden seinen Schutz genoss - waren es doch dessen Ausbildungslager in Khost, die 1998 von US-Marschflugkörpern zerstört wurden.

Die Entscheidung von Taliban-Führer Mullah Omar, Haqqani den Oberbefehl der Taliban-Streitmacht zu übertragen, wird in Islamabad als Schachzug gesehen, ihn noch stärker an sich zu binden. Das Auftauchen Haqqanis in Islamabad mag nun ein pakistanischer Gegenzug sein. Und dass die Amerikaner Khost diesmal bisher verschont haben, wird auf das Drängen Musharrafs zurückgeführt, der den USA Haqqani andienen will.

"Osama ist sicher und bei guter Laune"

Doch der ist Afghane genug, um sich nicht vereinnahmen zu lassen. In einem Interview mit der Tageszeitung "The News", schoss er aus allen Rohren auf die Amerikaner los, die er als "Komfort-Kreaturen" verhöhnte. Auch eine breit angelegte Regierung lehne er ab, da eine solche "säkular" wäre. Kein Taliban werde sich einer Regierung von russischen, amerikanischen und indischen Marionetten anschließen. Und als ginge er bei Bin Laden ein und aus, schloss er voller Sarkasmus: "Ich kann Euch versichern, dass Osama nicht nur gesund und sicher ist, er ist auch bei guter Laune."

Islamabad ist bei solchen Freunden gezwungen, seine Türen auch für Taliban-Gegner zu öffnen. Es setzt dabei auf das latente Misstrauen zwischen dem afghanischen Ex-König und der Nord-Allianz. Letzte Woche flog Syed Ahmed Gilani, der Führer einer gemäßigt-islamischen Partei aus der alten Mudschaheddin-Koalition der achtziger Jahre, mit Pakistans Zustimmung nach Rom. Gilani sagte nach seinem Treffen mit Ex-König Sahir Schah, sie hätten eine volle Übereinkunft erreicht. Doch das für das letzte Wochenende vorgesehene Treffen aller Nicht-Taliban-Gruppen in Peshawar musste auf diesen Mittwoch verschoben werden.

Offiziell sollte Gilani damit Zeit gegeben werden, sich zu beteiligen. Inoffiziell hört man jedoch, mit der Verschiebung wolle man das Ausbrechen wachsender Meinungsverschiedenheiten verhindern.

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