Helmut Werner glaubt auch in Zukunft nicht an einen Börsengang der Formel 1
„Stefan Effenberg hat keine 870 PS“

Auch wenn aus den Plänen für eine Formel-1-AG nichts geworden ist, schaut sich Helmut Werner das Geschehen auf den Rennstrecken noch sehr genau an. Der einst als Aufsichtsratschef auserkorene Ex-Mercedes-Mann glaubt an die Zukunft der Serie - auch ohne Börsenpräsenz.

STUTTGART. Beim Blick nach Wolfsburg wird sein Gesicht von einem Lächeln erfasst. "Ich weiß, dass Herr Pieschetsrieder ein Formel-1-Fan ist", sagt Helmut Werner. "Und ich bin überzeugt, dass Volkswagen in den Vorbereitungen für diese Rennserie nicht weit zurück ist." Der frühere Mercedes-Chef, einst für den Aufsichtsratsposten der geplanten und wieder verworfenen Formel-1-AG vorgesehen, lässt sich im Handelsblatt-Gespräch auch nicht von jüngsten fußballerischen VW-Investitionen irritieren: "Dass Stefan Effenberg 870 PS hat, wage ich zu bezweifeln."

Noch ist es nicht so weit, dass auch der Autoproduzent aus dem Norddeutschen in der von Michael Schumacher dominierten Vollgasbranche mitmischt. Noch sind die Bosse von Mercedes, Fiat, Renault oder BMW unter sich, noch steht - wenn auch nur noch vage - die Möglichkeit einer eigenen, von den Herstellern kreierten Serie im Raum. "Dazu wird es nicht mehr kommen, man wird sich arrangieren. Die Interessen von Formel 1 und Industrie werden nicht weiter auseinander dividiert", ist Werner überzeugt.

Der 65-Jährige spricht vom starken Marketinginstrument, von neuen Märkten, ungeahnten Möglichkeiten. Und auch vom emotionalen Objekt namens Auto und dem "Superlativ", der Formel 1. Die habe potente Partner, die man pflegen müsse. Denn an Sponsoren und Herstellern könne man nicht vorbei entscheiden: "Letztere sind das Rückgrat. Es wird eine Phase kommen, in der sie noch mehr zur Geltung kommen." Nicht zuletzt, "weil einer der Player, nämlich Kirch, nun keine entscheidende Rolle mehr spielt".

Mit dem Einstieg des Medienunternehmens in die Formel 1 endete auch Werners Plan, nach einem Börsengang der Rennserie im Auftrag von Motorsport-Impresario Bernie Ecclestone den Aufsichtsrat anzuführen. "Wir haben damals schnell gesehen, dass die Idee nicht realistisch ist", sagt Werner und spielt die Dimension des Machtkampfes herunter: "Aus internationaler Sicht war das gar nicht so gewaltig."

Dennoch wurde noch nach einer Zwischenlösung für einen möglichen späteren Börsengang gesucht und in Form eines aufgelegten Bonds gefunden. Das Going-Public aber hält Helmut Werner nunmehr für abgehakt: "So wie sich die Automobilindustrie künftig engagieren wird, dürfte sie kein Interesse am Börsengang haben."

Er selbst trauere der verpassten Chance nicht nach, schließlich habe er ohnehin viele "schöne Beschäftigungen". Aufsichtsratmandate wie jenes bei MG Technologies zum Beispiel. Dagegen fungiert der frühere Wasserball-Nationalspieler offiziell nicht mehr als Ecclestone-Berater, "wir telefonieren nur noch ab und zu". Dann plaudert man über dieses und jenes, wohl auch über den steten Mercedes-Rückstand auf die schnelleren Ferraris. Tragisch sei das schwäbische Verlieren, das er sich meist im TV anschaut ("Diese Sportart kann man am besten im Fernsehen verfolgen"), aber nicht: "Man kann auch Sympathie und Aufmerksamkeit erzielen, wenn man wie zuletzt in Ungarn von den Plätzen zehn und elf auf vier und fünf vorfährt."

Während McLaren-Mercedes allein von sportlichen Sorgen geplagt wird, sind Teams wie Arrows oder Jordan zusätzlich von Finanzproblemen betroffen. "Auch deren Situation entwickelt sich mit der wirtschaftlichen Lage insgesamt. Dass dabei eher die Schwachen getroffen werden, ist bedauerlich, aber normal", macht sich Werner keine Sorgen um die monetäre Ausstattung der Formel 1. Und überhaupt: "Die Rahmenbedingungen in der Wirtschaft sind nicht so, dass wir derart pessimistisch mit ihnen umgehen müssen, wie wir es aktuell tun."

Alles andere als ein Pessimist ist Ecclestone. Auf dessen Dienste wird man nach Ansicht Werners weiter setzen - auch dann, wenn die Hersteller künftig größeren Einfluss haben werden: "So wie die Serie heute dasteht, so hat er sie geschaffen. Auf sein Talent und seine Phantasie wird niemand verzichten wollen." Ob der Brite dennoch Fehler gemacht habe rund um Kirch, EM.TV & Co.? "Vielleicht hätte er eher mit der Autoindustrie reden müssen. Andererseits war die Angelegenheit so kompliziert, dass sie von Ecclestone allein nicht zu steuern war."

Dass der 71-Jährige bis zu seinem letzten Tag im Fahrerlager anzutreffen ist, daran zweifelt niemand. "Ich gehe davon aus", sagt Werner. Er versteht, dass der Brite trotz fortgeschrittenen Alters keinen Gedanken an einen beruflichen Ausstieg verschwendet. "Das ist bei ihm nicht denkbar, bei mir aber auch nicht. Wenn man das so lange macht, geht das nicht mehr", erklärt Werner. "Jene Leute, die den Absprung in andere Welten schaffen, bewundere ich. Ich beneide sie aber nicht."

Eine andere Welt hat er aber doch für sich gefunden. Im Stiftungsrat der Deutschen Sporthilfe bemüht sich Helmut Werner um die Unterstützung jener Athleten, die selten Reichtümer über ihren Sport erzielen. In diesem Zusammenhang beklagt er schon mal die Strukturen im deutschen Sport mit der Trennung zwischen DSB und NOK ("Für die Sporthilfe könnte ansonsten vieles einfacher und effizienter sein") und die Gründe dafür: "Persönliche Eitelkeiten spielen auch eine Rolle."

Womit es zwischen der drögen sportpolitischen und der bizarren Formel-1-Welt doch eine Parallele gibt.

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