Herber Gesichtsverlust
Die Macht der Starstrategen schwindet

Aktienstrategen wie Abby Joseph Cohen von Goldman Sachs oder Ed Kerschner von UBS/Paine Webber bewegten einst die US-Märkte mit einer einzigen Aussage. Im Oktober 1997 zum Beispiel verhalf Cohen dem Dow Jones Index zu einem Anstieg von mehr als 337 Punkten, als sie empfahl, stärker in Aktien zu investieren. Im März des laufenden Jahres löste sie mit einer positiven Einschätzung einen Zuwachs um 138 Punkte aus. Einige Anleger fürchteten schon, was geschehen würde, wenn die stets optimistische Abby Cohen plötzlich vorsichtiger würde.

NEW YORK. Letzte Woche war es so weit: Sie reduzierte ihre Gewinnschätzungen und das Punkteziel für den breit angelegten US-Aktienindex S & P 500, wenn auch ohne direkt eine veränderte Anlagestruktur zu empfehlen. Doch die Anleger gähnten nur als Reaktion. Auf der anderen Seite schaltete UBS ganzseitige Zeitungsanzeigen mit der jüngsten Prognose von Ed Kerschner, dass der Index der US-Technologiebörse Nasdaq bis Ende 2002 um 50 % zulegen sollte. Die Anleger ließ das kalt.

Mittlerweile verspüren die Anleger wachsendes Misstrauen gegenüber fast jeder Art von Research der großen Banken. Einige unterhalten sich lieber mit Experten außerhalb der Wall Street - ein herber Gesichtsverlust für die Aktienstrategen, die es gewohnt waren, heroisiert zu werden.

"Wenn Abby vor zwei Jahren etwas gesagt hat, rannten alle zu den Bildschirmen", sagt Jeff Devers, Gründungspartner des Hegdefonds Palladin Group. "Ich bin nicht sicher, ob das heute noch der Fall ist", setzt er hinzu.

Aktienstrategen unterscheiden sich von Analysten dadurch, dass sie weniger einzelne Titel und dafür mehr die gesamten Märkte im Auge behalten. Kaum einer der Prominenten aus dieser Szene hat den Kursverfall im laufenden Jahr vorausgesehen. Die meisten von ihnen waren davon ausgegangen, dass niedrigere Zinsen und eine rasche Erholung der Unternehmensgewinne die Aktienkurse wieder beflügeln würden. Kerschner sagte im Januar noch dem Magazin Barron?s, der Markt sei "lächerlich billig". Cohen war zur selben Zeit der Meinung, die Unausgewogenheit der Vergangenheit sei "weitgehend korrigiert" und sagte einen Anstieg des S & P 500 bis Jahresende auf 1650 Punkte voraus. Thomas Gavin von Credit Suisse First Boston sah damals einen starken Aufschwung voraus. "Jetzt muss man aggressiv einsteigen", erklärte er.

Auf der anderen Seite gab es Leute wie Barton Biggs von Morgan Stanley, die vorher so lange pessimistisch gewesen waren, dass die Anleger sie als "Dauerbären" einschätzten und nicht mehr Ernst nahmen. Richard Bernstein von Merrill Lynch und Douglas Cliggott von J.P. Morgan gehören zu den wenigen, die den Markt in den vergangenen eineinhalb Jahren relativ gut einschätzt haben. Cliggott sagt jetzt neue Tiefstände im ersten Halbjahr 2002 voraus, vor allem in Folge von schlechten Unternehmenserträgen.

Zum Teil erklärt sich der übertriebene Optimismus der Strategen auch aus Interessenkonflikten. "Wertpapierhäuser wollen ihre Kunden im Investment Banking nicht verlieren", sagt Devers. Cohen streitet das allerdings ab.

Weil es noch Jahre dauern kann, bis der breite US-Markt wieder so ansteigt wie in den späten 90-er Jahren, könnten die allgemeinen Marktstrategen noch weiter an Bedeutung verlieren, meint Neil Weisman, Partner beim Hedgefonds Chilmark 21st Century Capital: "Man kann nicht mehr einfach den S & P kaufen, jetzt sind mehr die Leute gefragt, die sich mit einzelnen Aktien beschäftigen", sagt er. Sein Kollege Dever ergänzt: "Die Strategen brauchen große Trends."

Auf wen sollen Anleger also künftig hören? "Investieren Sie nie in den Markt, weil ich das gesagt habe", meint Cliggott. "Ich analysiere nur, was den Markt bewegt." Manche Anleger hören lieber den Strategen kleinerer Häuser zu, die selbst kein Investment Banking haben, wie etwa Sanford Bernstein & Co.

Eine Strategin eines großen Hauses hat selbst die Konsequenz gezogen: Elizabeth M Kay von Bear Stearns hat gekündigt. Sie studiert wieder - an einer juristischen Fakultät.

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