Herbstgutachten der führenden Wirtschaftsinstitute
Straffe Geldpolitik und hohe Ölpreise drücken das Wirtschaftswachstum

Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) nimmt das Herbstgutachten der führenden deutschen Wirtschaftsinstitute positiv auf. Die Prognose stehe weithin im Einklang mit den Erwartungen der Bundesregierung, die für 2001 mit einem Zuwachs von 2,75 % rechne.

Reuters BERLIN. Der deutliche Ölpreisanstieg und die straffere Geldpolitik der EZB drücken das Wirtschaftswachstum in Deutschland und der Euro-Zone. "Eine gravierende Beeinträchtigung des Aufschwungs oder sogar ein Abgleiten in eine Rezession wie nach dem Schock der 70er Jahre ist aber nicht wahrscheinlich", sagten die sechs Institute in ihrem am Dienstag veröffentlichten Herbstgutachten voraus. Die Forscher rechnen für 2001 mit einem Wirtschaftswachstum in der Euro-Zone von 2,8 und in Deutschland von 2,7 % nach 3,3 beziehungsweise 3,0 % in diesem Jahr. Die Institute warnen die Europäische Zentralbank (EZB) angesichts der Abkühlung vor einer restriktiveren Geldpolitik. Die Bundesregierung wertete das Gutachten als Bestätigung ihrer Politik.

Dämpfer durch erhöhte Ölpreise

Bis Ende des laufenden Jahres dominieren in der deutschen Konjunkturentwicklung nach Auffassung der Institute die Effekte des "Ölpreisschocks". Allerdings würden diese dämpfenden Effekte im Laufe des Jahres 2001 nachlassen, hieß es in dem Bericht. Dann kämen die negativen Wirkungen aus dem Ausland und die Effekte der zuletzt strafferen Geldpolitik mehr zum Tragen. Dagegen stehe eine expansiver wirkende Finanzpolitik in 2001. Gerade in Deutschland werde die Steuerreform mit den Entlastungen für die Steuerzahler der Konjunktur deutliche Impulse geben. Derzeit sehen die Institute in Deutschland keine gravierenden Risiken für die Stabilität.

Beibehaltung des derzeitigen Zinsniveaus

Eine Lohn-Preis-Spirale, die die Preise in Deutschland und im Euro-Raum gravierend nach oben treiben würde, erwarten die Wirtschaftsforscher nicht. Daher sehen sie nach eigenen Angaben auch keinen Grund, dass die EZB eine noch straffere Geldpolitik verfolgt. Vielmehr plädieren die Forscher für eine Beibehaltung des derzeitigen Zinsniveaus. Nur wenn entgegen den Erwartungen eine Lohn-Preis-Spirale einsetzen sollte, gebe es Grund diese Geldpolitik zu überprüfen. Zu Interventionen zu Gunsten des Euros äußerten sich die verschiedenen Institute unterschiedlich bei einem eher zurückhaltenden Grundton.

Unsicherheit herrscht beim Eurokurs

Den Eurokurs sehen die Experten als eines der großen Risiken für ihre Prognose. Der Kurs, der am Dienstag mit zeitweise leicht aufsteigender Tendenz bei etwas unter 0,84 $ notierte, sehen die Forscher für die nächste Zeit bei 0,90 bis 0,93 $. Der Eurokurs könne aber auch dramatisch anders verlaufen, im positiven wie im negativen.

Inflationsrate soll 2001 niedriger ausfallen

Die Verbraucherpreisentwicklung in Deutschland wird sich nach Einschätzung der Gutachter insgesamt im kommenden Jahr nach einem ölpreisbedingt kräftigen Anstieg im laufenden Jahr verringern. In 2001 erwarten die Institute eine Inflationsrate von 1,7 % nach 1,9 % im laufenden Jahr. Ein Grund dafür ist, dass die Experten eine Beruhigung bei der Ölpreisentwicklung erwarten. Der Preis für den Barrel (159 Liter) dürfte im kommenden Jahr dem Gutachten zufolge auf durchschnittlich 27 (29) $ zurückgehen.

Aufschwung wird Arbeitslosenquote verringern

Der weiterhin anhaltende Aufschwung wird dem Gutachten zufolge zu einem weiteren Abbau der Arbeitslosigkeit beitragen. Die Arbeitslosenquote in Deutschland werde 2001 auf durchschnittlich 8,5 von noch 9,2 % in diesem Jahr sinken. Dies entspräche 3,6 Mill. Arbeitslosen im Durchschnitt des kommenden Jahres nach 3,89 Mill. in diesem Jahr. Ein wesentliches Risiko der Prognose ist nach Darstellung der Institute auch die Entwicklung in den USA. Derzeit deute sich in den Vereinigten Staaten, deren Wirtschaft bereits seit geraumer Zeit boomt, eine "sanfte Landung" an. Die Wachstumsrate werde in 2001 auf 3,2 (5,3) Prozent abnehmen. Falls der US-Aufschwung aber drastisch erlahme, werde das die gesamte Weltwirtschaft und damit auch den Euro-Raum treffen. Aktuell sehen die Experten einen Rückgang des Wirtschaftswachstums in den Industrieländern im Jahr 2001 auf 2,8 % voraus. In diesem Jahr wird von einem Anstieg von 3,8 % ausgegangen.

Reform des Steuersystems wird angemahnt

Die Institute bewertete die Steuer- und Haushaltspolitik der Bundesregierung zwar insgesamt positiv, mahnten aber eine Änderung der Konzepts der Ökosteuer an. Ein "Umbau" des Systems auf eine schadstoffbezogen Steuer sei ebenso wünschenswert wie eine Aufgabe der Koppelung mit der gesetzlichen Rentenkasse, in die die Ökosteuer-Mittel wandern. Eine Abschaffung der Ökosteuer, wie sie die Opposition anstrebt, forderten die Institute ausdrücklich nicht.

An dem Gemeinschaftsgutachten für die Bundesregierung sind das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, Berlin (DIW), das Hamburgische Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA), das ifo Institut für Wirtschaftsforschung in München, das Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel (IfW), das Institut für Wirtschaftforschung Halle (IWH) sowie das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen beteiligt.

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