Herbsttagung der FDP
Grasser-Kur für Deutschland

Seit fast einem Jahr regiert die große Koalition in Berlin. Ihre überwältigende Mehrheit erschwert die Arbeit der Opposition stark, darum wollen sich die FDP-Abgeordneten auf ihrer Herbsttagung gegenseitig Mut machen.

WIESBADEN. Aquis mattiacis" prangt in goldenen Lettern als Inschrift über den sechs ionischen Säulen des Wiesbadener Kurhauseingangs. Bereits vor 2 000 Jahren eilten die Römer an die heißen Quellen des germanischen Stammes der Mattiaker und suchten dort Heilung und Erholung von den Feldzügen gegen ihre zahlreichen Gegner. Ein Hauch dieser Geschichte weht an diesem Abend durch den festlichen Kurhaussaal, in dem sich die Abgeordneten der FDP-Bundestagsfraktion zu Beginn ihrer Herbsttagung versammelt haben. Seit fast einem Jahr regiert die große Koalition in Berlin, während die Liberalen in der Opposition gegen die überwältigende Mehrheit im Bundestag und Bundesrat anrennen, um ihre "Gegenentwürfe zur schwarz-roten Staatswirtschaft" durchzusetzen.

Partei- und Fraktionschef Guido Westerwelle will seine Kollegen aber nicht mit einer Bäderkur für die kommenden Parlamentsmonate erfrischen. Weiteren Schwung soll die durch die guten Umfragewerte selbstbewusst auftretende Fraktion durch den Gastredner bekommen: Österreichs Finanzminister Karl Grasser. -Heinz Der 38-jährige parteilose Shootingstar der Wiener Politikszene, der breiten Kreisen in Deutschland vor allem durch die Ehe mit der Millionenerbin Fiona Swarowski bekannt ist, hält, was ihm als Ruf vorauseilt. Eloquent, witzig, mit österreichischem Charme - Bundespräsident Horst Köhler wird da schon mal als "Horschti" bezeichnet - nutzt Grasser die Chance, vor den auch zahlreich anwesenden Unternehmern seine Heimat als "Erfolgsmodell" vorzustellen.

Als oberster PR-Experte des Alpenlandes auftretend, löst er sich bald vom Rednerpult, spaziert locker durch den Saal, bleibt ab und zu an den einzelnen Tischen stehen und preist sein Heimatland: "Wer in Österreich seine Steuern zahlt, ist der glücklichere Steuerzahler", frotzelt Grasser und spielt auf die zunehmende Verlagerung vieler deutscher Firmensitze von Deutschland nach Österreich an. An diesem Abend wolle er aber nicht weiter Deutschland schädigen. Die Unternehmer wüssten ja, wie sie ihn erreichen könnten.

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