Herkunft und Werdegang
Portrait Özdemir: "Der anatolische Schwabe“

Bis vor einer Woche schien Cem Özdemir untadelig in jeder Beziehung. Der 36-Jährige tritt immer besonders höflich auf. Er gilt als fleißig. Seine politischen Beiträge macht er mit deutlichem, dennoch meist leisem Ton. Formvollendete Manieren und gute Kleidung sind so etwas wie sein Markenzeichen.

HB BERLIN. Vor allem Herkunft und persönlicher Werdegang haben den Grünen - Bundestagsabgeordneten bekannt gemacht. Der "Multi-Kulti-Mann des Jahres 1997" (Sender Freies Berlin) wurde 1965 als Kind türkischer Einwanderer im schwäbischen Bad Urach geboren. Seine Mutter arbeitet als Änderungsschneiderin. Der nach Eigenbeschreibung "anatolische Schwabe" machte nach der mittleren Reife eine Ausbildung zum Erzieher und schloss anschließend ein Studium zum Sozialpädagogen ab. 1983 nahm Özdemir die deutsche Staatsbürgerschaft an. Zwei Jahre vorher war er schon bei den gerade gegründeten Grünen Mitglied geworden und stieg dort in den folgenden Jahren in den baden- württembergischen Landesvorstand auf. Er engagierte sich für den Naturschutz, vor allem aber für die Themen Staatsbürgerschaftsrecht, Zuwanderung und Anti-Rassismus.

Dies wurden seine Hauptthemen, nachdem er 1994 erstmals in den Bundestag gewählt wurde. In der zu Ende gehenden Legislaturperiode engagierte er sich außerdem stark für Verschärfung des Parteiengesetzes. Sein Wiedereinzug in den Bundestag schien über Platz sechs der baden-württembergischen Landesliste ziemlich sicher. Neben der Parlamentariertätigkeit suchte Özdemir häufig das Rampenlicht von Talkshows. Zuletzt stand er gar einer Herrenmodefirma für Fotoaufnahmen Modell. Am vorigen Wochenende wurde dann sein zinsgünstiger 80 000-Mark- Kredit vom PR-Mann Moritz Hunzinger bekannt. Selbst von Parteifreunden musste er sich als "politischer Esel" bezeichnen lassen.

Özdemir versicherte, er sei mit dem Darlehen keine weiteren Verpflichtungen eingegangen. Grünen-Chef Fritz Kuhn machte deutlich, dass er Özdemir seine Version glaube. Noch am Donnerstag schien sich der Sturm gelegt zu haben. Özdemir zahlte den Kredit an Hunzinger komplett zurück und spendete obendrauf 5200 Euro an ein Rehabilitationszentrum für Folteropfer - für den Zinsvorteil, dem ihm Kritiker vorgeworfen hatten. Doch vielen bei den Grünen reichte das nicht. Özdemir zog Konsequenzen: Er legte sein Amt als innenpolitischer Sprecher nieder und kandidiert nicht mehr für den nächsten Bundestag.

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