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Herr Klüwer zum Geschäftsführungstreffen, bitte

Zeige mir Deine Lehrer und ich sage Dir, wer Du bist. Wie klingt das für Sie? Ganz ordentlich? Wenn ja, wird ihre Meinung von Pressesprechern und PR-Agenturen gleich mächtig sinken.

Zeige mir Deine Lehrer und ich sage Dir, wer Du bist. Wie klingt das für Sie? Ganz ordentlich? Wenn ja, wird ihre Meinung von Pressesprechern und PR-Agenturen gleich mächtig sinken.

Vor einem Dutzend Jahren studierte ich einmal einen Sommer an der University of California in Berkeley. Eine durchaus ordentliche Uni, irgendwo unter den besten 30 der USA lag sie damals. Trotzdem waren wir Ausländer ein wenig überrascht über die mangelnde Allgemeinbildung unserer amerikanischen Mit-Studenten.

Eine Professorin sagte mir damals bei einem abendlichen Eistee: "Wissen Sie, wenn die Kids von der High School kommen, müssen wir denen erst mal lesen und Schreiben beibringen."

So ähnlich geht es wohl auch den Berufskommunikatoren hier in Deutschland. Die jungen Leute kommen von Fortbildungen oder Bätscheloar-Semestern (wie das Flachspurstudium sich jetzt nennen darf). Sie haben ihren Spaß gehabt, ein wenig Party, büschen was lernen - und dann müssen sie erstmal eingenordet werden um die Grundlagen ihres Berufs zu begreifen.

Kann ich mir zumindest gut vorstellen, wenn ich mir anschaue, wie deren Ein-, Aus- und Fortbildungseinrichtungen sich so präsentieren. Gern verweise ich auf meine speziellen Freunde vom Communication College.

Ab jetzt aber auch auf die scheinbar ziemlich durchgetickten Kollegen beim Europa Campus, der sich gleich in Baden-Baden, Stuttgart und Mannheim breitmachen darf.

Gestern nämlich erreichten mich gleich vier (!) Briefe vom EC Europa Campus:

Nummer ein informierte eine Person namens Thomas Klüwer, der in der Geschäftsführung des Handelsblatts sitzen soll, über das "Bachelor-Studium Gesundheitsökonomie in Baden-Baden und Stuttgart".

Nummer zwei ließ jenen Thomas Klüwer wissen, dass es neue "wirtschafts- und medienorientierte Bachelor-Studienrichtungen in Baden-Baden, Mannheim und Stuttgart" gibt.

Nummer drei informie rte Herrn Klüwer knapp und patzig: "Bachelor-Studium ,Medien-, Sport-, Eventmanager' und Bachelor-Studium ,Sportjournalist und Sportmanager' in Mannheim und Baden-Baden". Hier muss langsam Kostendruck eingesetzt haben: Verben sparte man sich beim Betreff.

Nummer vier schließlich ging an einen anderen Thomas Klüwer, ein Mitglied unserer Chefredaktion, dem ich bisher nicht begegnet bin, was auch ich merkwürdig finde. Verblos schreit sie: "Bachelor-Studium in Stuttgart, Mannheim und Baden-Baden: Internationales Management, Marketing, Wirtschaftskommunikation und PR- und Kommunikationsmanagement".

Jeder dieser Briefe kostete übrigens 55 Cent Porto.

Fassen wir also nochmal kurz zusammen:

1. Vier Briefe sind drei Briefe zuviel.

2. Egal, was man schreibt - den Namen sollte man richtig schreiben.

3. Die Pressemitteilungen fallen nicht in meine Themengebiete.

4. Ich bin weder Geschäftsführer noch Chefredakteur. War ich auch noch nie.

5. Die Pre ssemitteilungen sind 24 Zeilen lang, breit geschrieben auf je ein Blatt Din-A4 - ohne jeden Absatz.

6. Sie enthalten Begriffe wie "grund-ständige Ausbildung" und Trennungsfehler wie "Gesundheits-management" und "akkredi-tiert".

7. Bis auf die Studienrichtungen und die zugehörigen Orte sind die Mitteilungen praktisch deckungsgleich.

Und jetzt erkläre mir mal jemand, warum eine Einrichtung mit einer solch hirnerweichten Pressearbeit künftige Berufskommunikatoren ausbilden darf.

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