Herta-Geschäftsführer wird ab Oktober Chef der Südfleisch Holding AG
Karl-Heinz Kiesel: Das gute Gewissen der Fleischbranche

In der BSE-Krise bewies er Weitblick und Fingerspitzengefühl. Jetzt soll Karl-Heinz Kiesel den schwer angeschlagenen Südfleisch-Konzern wieder auf Vordermann bringen.

"Über Südfleisch gebe ich keine Auskunft. Ich werde jetzt noch keine Position beziehen, auf die man mich später festnageln kann." Karl-Heinz Kiesel ist ein vorsichtiger Mensch. Ein Telefonat ist dem Noch-Geschäftsführer des Fleisch- und Wurstwarenherstellers Herta GmbH zu unverbindlich. Deshalb lädt der Mann, der ab Oktober an die Spitze der Südfleisch Holding AG wechselt, zu einem Vier-Augen-Gespräch ins westfälische Herten.

Der 45-Jährige bevorzugt das persönliche Gespräch, auch im Job. Am liebsten geht er in die Werkshalle an die Produktionslinie, um mit den Mitarbeitern direkt zu reden. Kiesel bekommt so das wichtige "Bauchgefühl für das Business", wie er es nennt.

Dieses Gefühl hat der Karriere des gebürtigen Schwaben in der Fleischindustrie nicht geschadet. Im Gegenteil. Kiesel startete vor 14 Jahren als junger Lebensmittelingenieur im - inzwischen geschlossenen - Herta-Werk Dachau bei München, kurz nachdem der Schweizer Lebensmittel-Multi Nestlé den Wursthersteller übernommen hatte.

Online die Herkunft des Roastbeefs abfragen

Schnell stieg er in die Geschäftsführung auf und übernahm vor vier Jahren den Vorsitz. Kiesel festigte die Position des Unternehmens als die deutsche Nummer zwei im Bereich der verpackten Wurstwaren. Außerdem gewann er großen Einfluss auf die gesamte Branche. "Wir müssen den Rohstoff Fleisch aus der Anonymität herausholen", lautet Kiesels Credo.

Der Food-Manager hat aus den Lebensmittelskandalen der jüngeren Vergangenheit seine Lehren gezogen. Schon vor der Eskalation der BSE-Krise forderte er eine "uneingeschränkte Transparenz des Fleischmarktes", um das Vertrauen der Verbraucher zu stärken. "Mein Traum ist eine Online-Datenbank, mit der man die Herkunft jedes deutschen Roastbeefs oder Schnitzels dokumentieren kann", erklärt Kiesel.

Mit seiner Forderung nach neutralen Kontrollen und dem Verzicht auf Tiermehl im Futter - auch im Massenmarkt für Schweinefleisch - brach er in der Branche ein Tabu. Es trug ihm zunächst nur ein ungläubiges Lächeln ein. Seit aber klar ist, dass Kiesel die Traditionsmarke Herta unbeschadet durch die BSE-Hysterie gesteuert hat, lächeln die Konkurrenten nicht mehr.

Bei Südfleisch erwartet Kiesel ein Knochenjob

Mit diesen Vorschusslorbeeren übernimmt er ab Oktober den Chefsessel bei Südfleisch. Bei der Nummer drei im deutschen Markt für Schlachtfleisch erwartet ihn ein Knochenjob. Millionenverluste, der Abbau von insgesamt 600 Arbeitsplätzen und die bevorstehende Kostensenkung bestimmten gestern die Bilanzpressekonferenz in München. Kein Wunder, dass Kiesels Vorgänger, Ex-Molkerei-Manager Franz Doll, bereits kurz vor dem Jahreswechsel nach einem zweijährigen Intermezzo ausschied.

Kiesel zeigt "Respekt" vor dem weit verzweigten Beziehungsgeflecht bei Südfleisch. An dem Schlachtkonzern sind nicht nur die Landwirte über die Genossenschaften beteiligt. Da meldet sich auch schon einmal die bayerische Staatskanzlei zu Wort, wenn Standorte und Arbeitsplätze bedroht sind. Das Thema "Fleisch" ist in Bayern Stammtischthema und Politikum zugleich.

Der künftige Vorstandschef weiß, dass es mit etwa 300 Betrieben insgesamt zu viele Schlachthöfe in Deutschland gibt. Kiesel hält Strukturveränderungen zwar für notwendig. Er habe sich jedoch dem Aufsichtsrat nicht als "großer Sanierer" präsentiert, berichtet der verheiratete Vater zweier Kinder.

Die Erwartungen an den neuen Chef sind hoch

Der Mann, der den Willen zum Konsens mit dem Mut zu klaren Entscheidungen verbindet und flache Hierarchien bevorzugt, fand bisher große Zustimmung bei der Arbeitnehmerseite. Kiesel habe "in hervorragender Weise Betroffene zu Beteiligten" gemacht, beurteilt ein Gewerkschaftsvertreter den derzeitigen Herta-Chef. Nun komme ein "Mann des Zweiten Bildungswegs" an die Südfleisch-Konzernspitze, der früher einmal selber an der Werkbank gestanden habe. Tatsächlich hat er zwischen Volksschule und nachgeholtem Abitur eine Lehre als Maschinenschlosser im damaligen Daimler-Benz-Werk in Stuttgart absolviert.

Die Erwartungen an den neuen Vorstandschef sind also hoch, und die Lage ist schwierig in München. Karl-Heinz Kiesel wird deshalb ab Herbst noch oft das tun müssen, was er gerne mag: mit seinen Mitarbeitern vor Ort über die Probleme sprechen. Zum Skifahren dürfte ihm - trotz seines Umzugs von Westfalen nach Bayern - wenig Zeit bleiben.

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