Herz der weltweiten High-Tech Industrie
Silicon Valley im Techologie-Koma

Abgesehen von Naturkatastrophen und Kriegen hat die Weltwirtschaft kaum eine Region in so kurzer Zeit kollabieren sehen, wie derzeit das Silicon Valley. Während das Jahr 2000 den Marktwert der hiesigen Technologiefirmen zusammenbrechen ließ, traf das Jahr 2001 das Geschäft.

Die 150 größten Firmen des Valley machten im Jahr 2001 89,9 Milliarden Verlust - so viel wie sie in den acht Jahren zuvor kumuliert verdient haben. Gleichzeitig ging erstmals seit zwei Dekaden der Umsatz zurück, und zwar insgesamt um 55 Milliarden US$. Im Jahr 2002 ist bisher keine Besserung in Sicht. Ist die Technologie-Hochburg Silicon Valley noch zu retten?

Was ist Silicon Valley?

Das Silicon Valley, welches sich südlich der Stadt San Francisco und westlich der südlichen Bucht von San Francisco erstreckt, besteht aus zwei Landkreisen ("Counties"): San Mateo und Santa Clara. Es hat etwa 2 Millionen Einwohner und setzt sich aus eines Vielzahl kleiner Gemeinden zusammen, mit San Jose als einziger nennenswerten Stadt. Um seine Wetter-Bedingungen wird das Silicon Valley von der ganzen Welt beneidet: Während San Francisco und die Küste im Nebel versinken und das Central Valley im Osten in der Hitze brütet, ist Silicon Valley morgens und abends kühl und untertags sonnig und warm. "Im Valley ist Winter eine Option" - wer Skifahren will fährt ins nahegelegene Hochgebirge, die kalifornische Sierra Nevada.

Berühmt ist Silicon Valley als das Herz der weltweiten High-Tech Industrie. Während in den frühen achziger Jahren die Chip-Industrie (Intel, Applied Materials, LSI, National Semiconductor, AMD) dominierte - daher "Silizium-Tal" - ist das Valley jetzt diversifiziert mit Computern (HP, SUN, Apple, Palm), Datenkommunikation (Cisco, 3Com, JDS Uniphase), Software (Oracle, Siebel, BEA, Veritas, Ariba) , Bio-Medizinischen Unternehmen (die großen, Genentech und Chiron, sind genau genommen ein paar Kilometer ausserhalb des "Valley"), Internet-Unternehmen (Yahoo, eBay, Napster) und vielen anderem mehr (Agilent, Solectron etc).

Silicon Valley hat inden letzten Jahrzehnten Spitzentalente aus über 150 Ländern aufgenommen, allen voran Inder - welche inzwischen die "herrschende Klasse" der High-Tech-Industrie konstituieren - und Chinesen.

Ein Patient im Koma

Die Krise hat alle Technologiebranchen erfasst. Während das Jahr 2000 primär die Marktwerte der Firmen zerstörte (siehe Highway 101 im Dezember 2000: Von "Silicon Valley" zu "Ghost Valley"), hat das Jahr 2001 tiefe Einschnitte in das Geschäft gebracht.

Die Top 150 Unternehmen im Silicon Valley haben im Jahr 2001 252 Milliarden US$ Umsatz gemacht, 55 Miliarden US$ weniger als im Jahr zuvor. Das ist der erste Umsatzrückgang seit der Chip-Krise in den frühen achziger Jahren. Gleichzeitig haben sie einen unvorstellbaren Verlust von 89,9 Milliarden US$ generiert, mehr als die kumulierten Gewinne der acht Jahre zuvor. Die folgende Tabelle enthält einige Details, welche eine differenziertere Diskussion dieser Situation erlaubt.

Die Top 150 Unternehmen des Silicon Valley
(Quelle: San Jose Mercury News, 15. April 2002)

 

Nr.

Untern.

2001
Umsatz

2000
Umsatz

2001
Ergebnis

Marktwert

(in Mio. $)(in Mio. $)(in Mio. $)(in Mrd. $)
1

HP

44,21149,53975134.9
2

Intel

26,53933,7261,291203.8
3

Cisco

18,29023,726-2,294124.0
4Sun14,05919,182-56328.7
5Solectron13,70519,495-6156.0
6

Oracle

10,09310,9702,42370.3
7Calpine7,5902,2836483.9
8

Agilent

7,25711,368-24116.2
9

Applied Materials

5,98110,57330844.5
10

Apple

5,7316,6472088.4
 

Summe Top 10

153,456

187,509

1,916

540.7

 
19

JDS Uniphase

2,1352,630-57,5658.0
22Siebel2,0481,79525515.2
26

3Com

1,6083,117-1,0902.2
29Veritas1,4921,207-65117.6
43

Verisign

984475-13,3566.4
44BEA Systems976820-365.5
45

Palm

9631,744-4472.3
54eBay7494319015.8
56

Yahoo

7171,110-9311.0
83Ariba294426-2,4941.2
94Redback Networks228278-4,1180.5
128E.piphany126127-2,6090.5
 

Summe Top 11-140

98,059

119,006

-91,816

 

 

Summe Top 150

251,515

306,515

-89,900

 

Die Details der Krise

Man sieht, dass JDS Uniphase und Verisign allein für insgesamt 70 Milliarden Verlust verantwortlich sind. Doch das ist so ziemlich die einzige "gute" Nachricht.

Zunächst zu den Top 10 Unternehemen. Diese machen mit über 153 Milliarden US$ Umsatz 61% der Top 150 aus. Sie haben mit 34 Milliarden US$ den gleichen prozentualen Umsatzrückgang wie die nächsten 140 gemacht, allerdings als Gruppe mit 1,9 Milliarden US$ noch einen mageren Gewinn von 1% erwirtschaftet. Wie dramatisch selbst dieser Rückgang ist lässt sich erfassen, wenn man weiss, dass Intel allein im Jahr zuvor noch über 10 Milliarden US$ verdient hat. Der kumulierte Marktwert der 10 Unternehmen kann sich mit 540 Milliarden US$ noch immer sehen lassen - allerdings war noch vor zwei Jahren Cisco allein etwas so viel wert.

Bei den nächsten 140 Unternehmen ist der kumulierte Verlust von 92 Milliarden US$ fast so groß wie der kumulierte Umsatz (98 Milliarden US$). So schockierend diese Zahl erscheinen mag, sie wird dominiert von den fast 58 Milliarden Verlust von JDS Uniphase - dem größten registrierten Verlust den die Unternehmenswelt - und den 13 Milliarden von Verisign. Beide sind zu fast 90% abschreibungsbedingt und spiegeln mehr die Fehler der Vergangenheit als das laufende Geschäft wider.

Doch auch ohne diese beiden Zahlen ist die Situation scheußlich. 96 der Top 150 Unternehmen haben in 2001 Verluste gemacht. Diese Zahl ist bereits in den Jahren zuvor stetig gestiegen: von 22 verlustreichen Unternehmen 1994 über 50 Unternehmen - immerhin ein Drittel - während des Booms 1999/2000, bis zu fast zwei Drittel in 2001.

Und alle Sektoren sind getroffen

Die 30 Networking/Datenkommunikationsfirmen mit 29 Milliarden Umsatz, welche Cisco, JDS, 3Com und mehr umfassen, hat es besonders hart getroffen. Der Umsatzrückgang aufgrund der Telekommunikationskrise betrug über 20% und drastische Abschreibungen, insbesondere der enormen Investitionen in optische Technologie, waren die Folge. Nicht viel besser erging es den 23 Chip-Unternehmen mit kumuliert 43.5 Milliarden US$ Umsatz (-23%), welche 667 Millionen US $ Verluste machten, anstatt wie im Vorjahr16 Milliarden US$ zu verdienen. Allerdings haben in diesem Sektor schon immer nur Intel, Linear Techologies und Maxim über die Jahre hinweg gute Margen generiert. Computer Hardware ging es mir einem Umsatzrückgang von "nur" 16% noch verhältnismäßig gut, doch nur die Riesen HP, SUN und Apple waren profitabel, während andere, wie beispielsweise Palm, Handspring und SonicBlue (Produzent von mp3-Player "Rio" und "ReplayTV") schwer bluteten.

Die 31 Softwarefirmen fuhren kumuliert 5,6 Milliarden US$ Verluste ein (Vorjahr: 5,8 Milliarden Gewinn). Für diese Unternehmen hat sich zudem im bisherigen Jahr 2002 die Situation zusätzlich verschlechtert - Starunternehmen Siebel charakterisierte das erste Quartal 2002 als das schlechteste in der Geschichte der SW-Industrie. Die Bio-medizinischen Unternehmen waren so ziemlich die einzigen mit positiven Nachrichten - allerdings wissen wir, dass dies in 2002 nicht angehalten hat. Nicht-Techonlogie-Kategorien glänzten teilweise, insbesondere die Immobilienbranche, welche von den langfristigen Verträgen mit überhöhten Mieten der Boomzeit profitierten. Bei Preiseinbrüchen in Neuverträgen von mehr als 50%, kommerziellen Leerstandsraten von bis zu 20% und rapide zunehmenden Insolvenzverfahren sitzt diese Branche jedoch ebenfalls auf einer Zeitbombe.

Venture Kapital und kleinerer Unternehmen

Ein nicht unwesentlicher Teil des Wertes des Silicon Valley steckt traditionell in kleineren Unternehmen. Diese sind primär Venture-finanziert. Doch wer von hier Entlastung erwartet, wird enttäuscht.

Das Geld fließt noch fleißig in die Fonds. Sie haben 1999 59 Milliarden US$ erhalten, 2000 105 Milliarden und in 2001 40 Milliarden - noch immer das drittbeste Jahr der Geschichte. Derzeit sitzen die Fonds auf etwa 75 Milliarden US$ noch nicht investiertem Geld. Tortzdem ist die Perspektive düster.

Als Hintergrund sollte man folgendes wissen: 1996 flossen etwa 9.6 Milliarden US$ in die Venture Fonds. Von 1996 bis 1998 wurden durchschnittlich 15 Milliarden US$ durch Liquiditätsereignisse (dh. Börsengänge und Verkäufe) verdient - auf das Volumen von 1996 bezogen ein guter Gewinn von etwa 50%. 2000 war die Ausnahme mit 80 Milliarden US$ aus Liquiditätsereignissen, mit sagenhaften Gewinnen.

Es ist jetzt schon klar, dass die 1999 und 2000 investierten Summen bestenfalls 25-50c pro investierten Dollar wert sind und Fonds dieser Jahre enorme Verluste generieren werden. Telekommunikation, insbesondere optische Technologien, und Software sind die am stärksten betroffenen Segmente.

Und wo soll das jetzige Fondsvolumen von 75 Milliarden US$ investiertert werden? Ein neuer Boom ist weit und breit nicht in Sicht, und gute Start-Ups in interessanten Kategorien Biotechnologie, Nanotechnologie und Web Services (und neuerdings "Sicherheit") können gar nicht so viel Geld sinnvoll absorbieren. Das Resultat sind einerseits drakonische Bedingungen bei Investitionen, da die "Kapitalisten" ihr Geld schützen wollen: Eine beliebte Klausel ist beispielsweise eine "dreifache Liquiditätsprämie", welche bedeutet, dass der Investor bei Liquiditätsereignissen zunächst das dreifache seiner Investition zurückerhält, und erst der Rest - so es einen gibt - gemäß den Unternehmensanteilen verteilt wird. Andererseits gibt es auch mehr und mehr Fonds, deren Investoren beginnen, ihr noch nicht investiertes Geld zurückzuverlangen.

Wie kann es weitergehen?

So sehr sich alle lokalen Experten bemühen, Optimismus zu verbreiten, die Zukunft sieht nicht rosig aus.

Zunächst deutet alles darauf hin, dass es 2002 nicht besser wird. Obgleich es stetig Gerüchte von einer Erholung der US-Wirtschaft gibt, sind die individuellen Unternehmensnachrichten alle negativ und noch niemand hat verkündet, er würde in 2002 mehr investieren als in 2001. Bei den Lieferanten hat dies inzwischen selbst Giganten wie IBM getroffen, welche bisher als Gegenpol zum Internetboom die Krise gemeistert hatte. Für das Silicon Valley ist es auch nicht gerade hilfreich, dass Hewlett-Packard, als noch immer größtes lokales Unternehmen, derzeit in den Verstrickungen des Compaq-Merger verfangen ist.

Aber hat Silcon Valley nicht schon andere Krisen gemeistert und ist hier nicht noch immer eine Konzentration von Talent wie sonst nirgends auf der Welt?

Schon, aber es ist nicht klar, dass dies die Schwächen kompensieren kann. Silicon Valley ist noch immer eine der teuersten Gegenden der Welt. Die Preise für Privathäuser sind bisher ziemlich stabil, was bedeutet, dass man für ein Papphaus - immerhin ziemlich ungefährlich bei Erdbeben - noch immer ca 1 Million US$ zahlt. Die gesunkenen Zinsen haben eine Refinanzierung der Verpflichtungen hochverschuldeter Privathaushalte gestattet, so dass bisher Zwangversteigerungen weitgehend vermieden werden konnten. Aber wie lange noch? Auch die Infrastruktur lässt zu wünschen übrig: Öffentliche Schulen sind unverändert enttäuschend. Der Verkehr ist momentan krisengeschwächt, aber die grundsätzlichen Stauprobleme sind ungelöst. Energie- und Wasserversorgung haben fundamentale Schwächen, welche jederzeit in einer erneuten Krise eskalieren können. Und aufgrund der gesunkenen Steuereinnahmen sind die öffentlichen Kassen leer.

Was bleibt ist schließlich nur der unverwüstliche Optimismus, das unerreichte Unternehmertum und das Talent der Menschen des Silicon Valley. Es ist ihnen zu wünschen, dass dies Früchte trägt.

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