Herz des Unternehmens ist Technologie
Analyse: Die Börse aus Sicht der Privatanleger

Die Deutsche Börse geht selbst an die Börse. Kleinanleger sind als künftige Aktionäre aber nicht sonderlich gefragt; die Zuteilungsquoten werden bewusst niedrig gehalten. Entscheidend für die Perspektive der Aktie dürfte neben der Weiterentwicklung der Technik auch die Bündnisfähigkeit der Börse sein.

HB FRANKFURT. Zumindest mit Beschwerden über "Störer und Schreier auf dem engen Platz" wird sich der Chef der Deutschen Börse, Werner G. Seifert, in Zukunft nicht mehr herumschlagen müssen. Die Klage gestresster Kaufleute über den unzumutbaren Lärmpegel an der Frankfurter Börse ist mittlerweile fast 390 Jahre alt. Damals trafen sich die Händler noch unter freiem Himmel vor dem Rathaus auf dem Römerberg. Heute arbeitet Seifert an der endgültigen Lösung des Geräuschproblems.

Mit der geplanten Abschaffung des Parketthandels dürfte der Lärm im Börsensaal schon bald ein für allemal verstummen: Die Zukunft gehört der Elektronik und den virtuellen Märkten. Die Börse wandelt sich rasant vom simplen Handelsplatz für Aktien zum Technologieunternehmen.
"Was wir machen, hat nicht mehr viel zu tun mit der alten Frankfurter Wertpapierbörse, wie sie 1585 gegründet wurde", betont Seifert. "Das Herz der Börse ist die Technologie." Und damit meint er nicht nur die Weiterentwicklung der elektronischen Handelssysteme Xetra und Eurex (Terminhandel). Mit ihrer neuen Tochter X-Launch tritt die Börse in direkte Konkurrenz zu klassischen Dotcoms. Xlaunch soll elektronische Handelsplätze für den Handel zwischen Unternehmen (B2B) entwickeln.

Erstes Beispiel für diese Strategie ist die Strombörse EEX. Aber auch mit den Privatanlegern will Seifert via Internet ins Geschäft kommen. Noch in diesem Frühjahr soll die Plattform Neuermarkt.com neu an den Start gehen. Mit der Tochter, die Kursinformationen, Analyse- und Entscheidungshilfen zu den weltweiten Märkten bietet, steigt die Börse in das Geschäft mit Finanzportalen ein.

Ein IPO für die IT

Das nötige Geld für den teuren Ausbau des IT-Systems will sich Seifert jetzt mit dem rund eine Milliarde Euro schweren Gang an die Börse verschaffen. Zugleich erhält das Unternehmen auf diesem Weg eine Währung in Form börsennotierter Aktien: Übernahmen anderer Handelsplätze oder Beteiligungen könnten künftig einfach per Aktientausch abgewickelt werden. Diese Option ist deshalb interessant, weil allgemein eine Konsolidierung der europäischen Börsenlandschaft erwartet wird. Olgard Eichler, Fondsmanager bei Union Investment, erwartet, dass von den 30 Börsen in Europa nur wenige übrig bleiben. "Dabei wird es drei große Spieler geben: Die Londoner Börse (LSE), Euronext (der Zusammenschluss von Paris, Amsterdam und Brüssel) und die Deutsche Börse."

Nach Einschätzung von Analysten hat Frankfurt gute Chancen, zu den Gewinnern der Konzentration zu zählen. Beim Handel mit inländischen Aktien liegt die Deutsche Börse praktisch gleichauf mit London in Europa auf Platz eins. Eurex ist die größte Terminbörse der Welt. Dank der Beteiligung in Höhe von 50 Prozent an Clearstream mischt die Börse auch bei der Abwicklung von Wertpapiergeschäften (Settlement) kräftig mit. Weiteres potenzielles Plus: Der deutsche Aktienmarkt ist trotz der Volksaktie "Deutsche Telekom" im internationalen Vergleich noch rückständig. Hier schlummert Wachstumspotenzial: Wenn die Deutschen mehr Aktien besitzen und handeln, verdienen die Börsen mit.

Frankfurt könnte schnell ins Abseits geraten

Freilich gibt es auch Risiken. So würde eine länger anhaltende Flaute am Aktienmarkt vermutlich zu einem Rückgang des Handelsvolumens und damit der Einnahmen der Börse führen. Auch ist trotz der unbestrittenen Stärken keineswegs sicher, dass Frankfurt im Zentrum der Konzentration der europäischen Börsenwelt steht - die gescheiterte Fusion mit London zu IX zeigt, dass Zusammenschlüsse ein schwieriges Unterfangen sind.

Wenn sich künftig etwa Euronext und die LSE zusammenschließen würden, stünde Frankfurt einem überaus mächtigen Konkurrenten gegenüber.

Neuerdings treten zudem alternative Plattformen, so genannte Electronic Communication Networks (ECNS), auf den Plan, die ebenfalls den Handel mit Aktien anbieten. Zwar existieren die meisten ECN bisher nur auf dem Papier. Aber ebenso wie die Pläne diverser Großbanken zum Aufbau eigener Plattformen stellen sie eine Gefahr für die traditionellen Börsen dar. "Die Frage ist, wer sich bei dem Handel mit den liquidesten Titeln in Europa durchsetzt", meint Michael Fraikin, Fondsmanager von Invesco. "Und es ist nicht sicher, dass das die Deutsche Börse ist."

Der Preis ist fair

Weitgehend einig sind sich die Experten darüber, dass die Börsenaktie zu einem angemessenen Preis kommt. Die Spanne für die Platzierung sei mit 285 bis 335 Euro "fair und attraktiv" angesetzt, urteilt Fondsmanager Eichler.
Die Börse selbst interessiert sich allerdings nur am Rande für Kleinanleger. "Private sind nicht unsere Hauptzielgruppe", meint Seifert. Er würde seine Aktie lieber bei Investmentbanken oder Fonds platzieren. Damit hätten diese einen Anreiz, ihre Aktiengeschäfte über Xetra abzuwickeln, was wiederum Geld in die Börsenkassen sprudeln lässt. Die Zuteilungschancen für die Privaten sind daher wohl gering. Zwar gibt es keine offizielle Quote, aber in Konsortialkreisen ist zu hören, dass wohl nur 20 bis 30 Prozent der Emission an Kleinanleger gehen dürften.

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