Herzschlagfinale
Sammer bleibt gelassen - Fans glauben an Bayern

Matthias Sammer lässt sich auch in Anbetracht des zum Greifen nahen Gewinns der deutschen Fußball-Meisterschaft nicht aus der Reserve locken.

sid NEUSS/DORTMUND. "Wir haben alles selbst in der Hand, das weiß ich auch, aber es wird schwer genug. Wir können am Ende auch nur Dritter werden", sagte der Chefcoach von Borussia Dortmund vor dem letzten Bundesliga-Spieltag am kommenden Samstag und gibt sich als "Mr. Cool", auch wenn ihn nur ein Sieg gegen Werder Bremen im Westfalenstadion vom großen Triumph trennt.

Der Mann bleibt die Zurückhaltung in Person, er explodiert nur am Spielfeldrand. Als Tomas Rosicky in der AOL-Arena übel gefoult wurde, drosch Sammer den Ball außer sich vor Wut Sergej Barbarez in den verlängerten Rücken und musste dafür auf die Tribüne. "Das darf einem Trainer nicht passieren", meinte er hinterher reumütig. Wie das ist, deutscher Meister zu werden, weiß Sammer. In der Saison 1991/1992 entschied sich die Meisterschaft auch am letzten Spieltag. Dortmund gewann 1:0 gegen den MSV Duisburg. Das nutzte aber nichts, weil der VfB Stuttgart mit Matthias Sammer 2:1 in Leverkusen gewann. "Das ist doch alles überhaupt nicht zu vergleichen", sagt der Trainer, Branchenname "Motzki", heute. Auch mit der Borussia holte der Europameister von 1996 als Spieler zweimal die Meisterschaft, wurde zu Europas Fußballer des Jahres gewählt.

In der vorletzten Saison verhinderte er als zweiter Mann hinter Retter Udo Lattek den drohenden Absturz in die Zweite Liga, in der vergangenen Saison reichte es immerhin zum dritten Rang. Nun geht es ums Ganze. "Dortmund muss nur gegen Werder gewinnen." Für Lattek ist die Sache klar: "Dortmund wird Meister." Nur die Fans im Lande trauen Titelverteidiger Bayern München den Gewinn der Meisterschaft eher zu. Das ergab eine TED-Umfrage der ARD-Sportschau: 44,1 Prozent glauben an ein weiteres Meisterstück der Bayern, "nur" 42,6 Prozent setzen auf den BVB. Als Coach Sammer nach quälendem Hin und Her endlich Sebastian Kehl in Dortmund als "zukünftigen Führungsspieler" vorstellte, fragten sie ihn, ob der Nationalspieler derjenige sei, der noch zur Meisterschaft fehle, sagte Sammer nur: "Ein Spieler entscheidet keine Meisterschaft." Je näher ein Mann wie Sammer dem Triumph rückt, je intensiver wird seine Zurückhaltung. Aber alle seine Aktionen verraten, wie es in dem dreifachen Familienvater brodelt, zischt und kocht.

Was er bedingungslos fordert, ist Diziplin. Und genau deshalb hat er seine Probleme mit dem Künstler Amoroso, der bisher nicht weniger als 18 Tore erzielte und zum Meisterschaftsgaranten werden könnte. Die "Tor-Tänze" seiner Brasilianer brachten den 34-Jährigen schon oft auf die Palme: "Tanzen können wir immer noch." Einsatz, bedingungslose Disziplin, Kampfbereitschaft, Kondition, das sind Vokabeln, die Sammer zuvorderst mit dem Fußball verbindet. Dass man nur damit Meister werden kann, ist seine Überzeugung.

Wenn seine Mannschaft das gegen Werder Bremen umsetzt, wird Borussia Dortmund Meister. "Wir haben gezeigt, dass wir mit dieser Situation umgehen können", sagt Nationalverteidiger Christian Metzelder. "Wie meine Mannschaft in Hamburg ihre Aufgabe mit Charakter und Moral umgesetzt hat, nötigt mir großen Respekt ab", sagt Sammer. In zwei Jahren hat er BVB vom Abstiegskandidaten zum Titelaspiranten geformt - nun will der einstige Retter Meistertrainer werden. Nur sagen würde er das nie.

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