Heute Abend startet die Finalserie der Deutschen Eishockey-Liga
Die letzten großen Auftritte der Pinguine

Selbst überzeugte Lokalpatrioten müssen zugeben: Es ist nicht wirklich schwer, in Krefeld zum Stadtgespräch zu werden. Erst recht nicht, wenn es um Sport geht. Zwar existieren sechs Angelvereine, aber seit Bayer Uerdingen zum Krefelder FC mutierte, gleitet die Welt des großen Sports vorbei an der 238 000-Einwohner-Stadt.Doch in diesen Tagen ist alles anders.

DÜSSELDORF. "Jeder Dritte spricht dich auf der Straße an. So etwas habe ich noch nie erlebt", sagt Robert Müller. Der Torhüter der Krefelder EV Pinguine ist einer der Gründe, warum die Seidenstadt derzeit nur schwarz-gelb sieht: Heute Abend greift der KEV das erste Mal seit seinem einzigen Titel anno 1952 wieder nach der deutschen Eishockey-Meisterschaft.

Und das ausgerechnet in einer Serie gegen den Lokalrivalen und Titelverteidiger Kölner Haie. "Es ist ein Endspiel, das die Eishockey-Fans im Rheinland elektrisiert", sagt Haie-Geschäftsführer Holger Rathke. Maximal fünf Partien wird es geben, wer zuerst drei Spiele gewonnen hat, ist Meister. Heute geht es los in der Köln-Arena, Sonntag folgt das nächste Spiel in Krefeld. Sämtliche Partien sind bereits ausverkauft, Premiere überträgt jedoch live. Und sollte ein Fan im hohen Norden weilen: Ein finnischer Sender überträgt die Spiele zeitversetzt nach Skandinavien.

Zugetraut hätte den Krefeldern diesen Finaleinzug niemand. Schon früh geriet der Klub in die Schlagzeilen, weil der Vorstand an Chris Valentine herum mäkelte, dem bei den Fans so beliebten Trainer. Ihm setzte man nach durchwachsenem Saisonstart Sportdirektor Butch Goring vor die Nase. Vier Mal hatte der mit den New York Islanders die US-kanadische Meisterschaft geholt. Schon zwei Wochen später, am 26. Spieltag der Saison, musste Valentine gehen. Goring übernahm das Training - obwohl die Mannschaft mit Platz fünf im Soll lag.

Großartig aufwärts ging es mit Goring tabellarisch gesehen nicht: Die Pinguine landeten auf Platz sechs nach der Hauptrunde. Doch von Spiel zu Spiel wirkten sie sicherer, angetrieben von fünf Stützen. Allen voran der 22-jährige Torhüter Müller, der den Schweden Roger Nordström verdrängte. Dann Verteidiger Christian Ehrhoff, ein echter Niederrheiner. Mit nur 20 Jahren ist er auch einer der wichtigsten Spieler in der Nationalmannschaft. Und schließlich die erste Sturmreihe, vor der die Krefelder Fans auf die Knie gehen vor Anbetung: der Tscheche Patrick Augusta, der Kanadier Brad Purdie und vor allem Christoph Brandner. Zum wertvollsten Spieler der Liga wählte die Fachwelt den 98-Kilo-Schrank aus Österreich.

Alles könnte so schön sein: Finalserie, tolles Eishockey, Riesenstimmung. Doch die Krefelder Fans wissen: Es dürfte vorerst die letzte Party dieser Art werden. Mit der maroden Rheinland-Halle lässt sich Top-Sport nicht dauerhaft finanzieren. Stürmerstar Brandner ist bereits der begehrteste Spieler auf dem Transfermarkt, angeblich hat er Gehaltsangebote im Bereich von rund 380 000 Euro vorliegen. Jüngstes Gerücht: Zusammen mit Purdie soll er in der kommenden Saison bei den Hamburg Freezers auflaufen. Denn auch Purdie geht und zu allem Überfluss auch noch Augusta. Das Team zerfällt.

Es dürfte also wieder einige Zeit dauern, bis die Pinguine das nächste Mal Stadtgespräch in Krefeld werden.

Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter
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