Heute fällt die Entscheidung über Auf- und Abstieg aus den hiesigen Börsenbarometern
Die Herren über den Deutschen Aktienindex

Ein kleiner Zirkel mit großer Macht: Heute entscheidet der Arbeitskreis Aktienindizes über die Neuordnung der deutschen Börsenbarometer. Zuletzt war das Gremium in den Fokus der Staatsanwaltschaft geraten.

FRANKFURT/M. Der Name des Gremiums klingt langweilig und reichlich bürokratisch. Doch wenn sich der Arbeitskreis Aktienindizes der Deutschen Börse hinter verschlossenen Türen trifft, geraten riesige Summen in Bewegung. De facto haben die elf Mitglieder des erlauchten Gremiums die Macht, über Auf- und Abstieg aus den deutschen Börsenbarometern zu entscheiden. Eine Entscheidung, die für Unternehmen und Anleger bares Geld wert ist, vor allem wenn es um die Plätze in der Topliga der 30 Werte im Deutschen Aktienindex (Dax) geht.

Angesichts dieser Verantwortung schreibt der Arbeitskreis das Wort "Diskretion" ganz groß. Auf Publicity legen die von Banken und Versicherungen entsandten Experten keinerlei Wert. Zuletzt geriet der Index-Klub aber doch ins grelle Schweinwerferlicht der Öffentlichkeit - und machte dort nicht gerade eine vorteilhafte Figur. Am 19. April durchsuchte die Staatsanwaltschaft Mannheim unter anderem die Räume der DG Bank und der BHF-Bank, die im Arbeitskreis vertreten sind. Der Grund: Verdacht auf verbotene Insidergeschäfte mit Aktien des Finanzdienstleisters MLP. Am 8. August 2000 hatte der Arbeitskreis auf einer seiner vierteljährlichen Sitzungen überraschend entschieden: Der Finanzdienstleister MLP darf nicht in den Dax. Die Staatsanwaltschaft prüft jetzt, ob es Eingeweihte gab, die ihr Wissen ausnutzten und auf Kursverluste von MLP spekuliert haben.

Offiziell liegt das letzte Wort über die Indizes zwar bei der Deutschen Börse, aber bislang folgte die immer dem Rat ihrer Experten. Das Beispiel MLP zeigt, wie stark der Arbeitskreis die Kurse in Bewegung setzen kann. Von Anfang Juli 2000 bis zum Tag vor der Index-Sitzung gewann die Aktie des Finanzdienstleisters rund 25 % an Wert. Nach dem Nein zum Dax-Aufstieg sackte der Kurs binnen eines Tages um 10 % ab.

Überraschungen möglich

Die Macht des Arbeitskreises beruht auf der simplen Tatsache, dass er, anders als andere Indexanbieter, mit seinen Entscheidungen die Märkte immer wieder überraschen kann. Zwar gibt es für Auf- und Abstieg aus den deutschen Marktbarometern klare Regeln, die Experten haben aber einen üppig bemessenen Entscheidungsspielraum. Bei den Regeln kommt es vor allem auf zwei Kriterien an: Marktkapitalisierung und Börsenumsatz.

In den Dax darf beispielsweise nur aufrücken, wer die so genannte 35/35-Regel erfüllt, nach beiden Kennzahlen also zu den 35 größten deutschen Unternehmen gehört. Doch diese Regel ist eine Kann- und keine Mussbestimmung. Daneben kann sich der Arbeitskreis auch auf "weiche" Kriterien wie Branchenrepräsentativität und Kontinuität der Indizes berufen. Beim britischen Anbieter FTSE und bei den europäischen Stoxx-Indizes sieht das anders aus. Hier zählen nur die harten Regeln. "Die Index-Entscheidung fällt quasi automatisch und ist dadurch transparent", erläutert Daniel Winkler, verantwortlich für das Deutschlandgeschäft von FTSE. Die strikten Regeln böten Spekulanten weniger Anreiz, Wetten auf Auf- oder Absteiger abzuschließen.

Für den Indexexperten Hilck haben beide Systeme Vor- und Nachteile. Klare Bestimmungen würden zwar für eine bessere Vorhersagbarkeit sorgen, ein größerer Ermessensspielraum ermögliche aber vorausschauende Entscheidungen. Durch die Anwendung weicher Kriterien könne die Börse dafür sorgen, dass die Indizes nicht durch ständigen Austausch durcheinander gerieten. Damit ließen sich Umschichtungen minimieren, was im Interesse der Investoren liege.

Trotz der Insiderermittlungen im Fall MLP: Die Deutsche Börse will an ihrem System festhalten. Sie ließ wissen, es gebe keinen Grund, an der Integrität des Arbeitskreises zu zweifeln. Und auch die Experten selbst haben kein Problem mit ihrer Rolle. "Der Druck von außen hat zwar zugenommen, aber die Entscheidungen fallen erst während der Sitzung völlig unabhängig", versicherte der Vorsitzende des Arbeitskreises Heinz-Jürgen Schäfer von der Dresdner Bank kurz nach der Durchsuchungsaktion der Mannheimer Staatsanwälte.

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