High-Tech-Prothese bietet mehr Lebensqualität für Unfallopfer: Kunsthand macht Greifen möglich

High-Tech-Prothese bietet mehr Lebensqualität für Unfallopfer
Kunsthand macht Greifen möglich

Mit einer neuartigen Prothese können nun auch teilhandamputierte Menschen wieder fest zugreifen. Antrieb, Getriebe und Elektronik einer herkömmlichen Handprothese wurden dafür miniaturisiert.

HB DÜSSELDORF. Bislang konnten Teilhandamputierte nur mit kosmetischen Schmuckhandprothesen versorgt werden. Eine 12 800 Euro teure so genannte "Transcarpal-Hand" des Medizintechnikunternehmens Otto Bock Healthcare in Duderstadt soll nun für mehr Lebensqualität bei den Amputierten sorgen. "Bei der Mechanik haben wir berücksichtigt, dass bei den betroffenen Patienten das eigene Handgelenk in der Regel noch erhalten ist. Daher konnte auf ein Kunstgelenk verzichtet werden", sagt Produktmanager Christian Hell.

Ein neuartiger Aufbau mit einem speziellen Antrieb mache die Prothesenhand kurz und leicht genug. Nach Finger- und Daumenamputation ist die Teilhand-Amputation zwischen Mittelhand und Handwurzel die dritthäufigste Amputation der oberen Gliedmaßen. Gründe sind in erster Linie Starkstromverbrennungen, Arbeits- und Motorradunfälle, sowie Tumore und Gefäßerkrankungen. Bei Kindern kann auch eine Hirnhautentzündung zum Absterben von Teilen der Hand führen. Daneben kommt es auch zu angeborenen Fehlbildungen der Hand.

Nur in Ausnahmefällen konnten Betroffene bislang mit Prothesen versorgt werden, die ihnen das Zupacken ermöglichten. Zumeist verdankten sie dies findigen und kreativen Orthopädie-Technikern, die mit hohem Umbauaufwand herkömmliche Prothesenkomponenten individuell anpassten. "Generell war aber bisher bei einer Teilamputation der Hand nur eine kosmetische Versorgung mit einer steifen Kunsthand möglich", sagt Prof. Hans-Eberhard Schaller von der berufsgenossenschaftlichen Klinik der Universität Tübingen. Die meisten Teilhandamputierten lehnten bislang herkömmliche Handprothesen ab, weil diese den jeweiligen Arm sichtbar verlängern. Die Betroffenen empfinden das als zu auffällig. Außerdem ist die Koordination unterschiedlich langer Hände nicht einfach.

Muskel steuert Greifbewegung

"Mit der neuen Kunsthand können neben Amputationen im Handwurzelbereich auch lange Unterarmstümpfe myoelektrisch versorgt werden, ohne dass der Prothesenarm länger wird als der gesunde Arm", sagt Schaller. Myoelektrisch ist der Schlüsselbegriff. Bei jeder Muskelanspannung entsteht auf Grund eines biochemischen Vorgangs eine elektrische Spannung, die auf der Haut gemessen werden kann. Dies gilt auch für die erhaltene Restmuskulatur nach einer Amputation. Die sehr geringen Spannungen im Bereich von wenigen Millionstel Volt werden zur Steuerung der Prothese genutzt. Von meist zwei Elektroden werden die am besten geeigneten Muskelspannungen vom Stumpf abgenommen, verstärkt und als Steuerimpulse zum Öffnen, Schließen und Drehen der Elektrohand benutzt.

Griffgeschwindigkeit und Griffkraft werden von der Stärke des Muskelsignals geregelt. Zwei unabhängige Mess- und Regelsysteme sorgen dafür, dass beim Ergreifen eines Gegenstandes die Griffkraft entsprechend dem Muskelsignal aufgebaut wird. Damit kann auch ein rohes Ei oder eine chinesische Porzellantasse sanft festgehalten werden. Erhöht wird die Griffsicherheit durch einen Sensor an der Daumenspitze, der Gewichts- und Schwerpunktverlagerungen des ergriffenen Gegenstandes erkennt und die Griffkraft bei Bedarf automatisch nachreguliert.

Getriebe, Antrieb und Daumen-, Zeige- und Mittelfingermechanik - sie erlauben den so genannten Drei-Finger-Spitzgriff - stecken in einem kosmetischen Kunststoffhandschuh, der optisch der gesunden Hand angepasst ist. Ein Lithiumakku im Prothesenschaft versorgt die künstliche Hand je nach Aktivität bis zu 48 Stunden mit der nötigen Energie.

Bislang wurde etwa ein Dutzend Patienten mit der neuen Transcarpal-Hand versorgt. Allerdings werden wohl nicht alle Teilhand-Amputierten die Prothese in Anspruch nehmen. Denn viele haben sich im Laufe der Zeit an den Verlust gewöhnt und Techniken entwickelt, die ihnen ein nahezu normales Leben ermöglichen.

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