High-Tech Supermärkte
Kunden kassieren selber

Sprechende Kassen, persönliche Einkaufswagen - Informationstechnologie etabliert sich im Supermarkt. Im Ausland schon im Einsatz, in Deutschland noch in der Testphase: An Self-Checkout-Stationen wird der Kunde zum "Selbstzahler".
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WiWo/HANNOVER. David Durdan, 38, schwingt sein Schlüsselbund über einen Empfänger an der Kasse eines Chicagoer McDonald's-Restaurants und schlendert auf den Ausgang zu. So lässig hat selten jemand eine Cola bezahlt. Bargeld oder Kreditkarte konnte der Einzelhandelsspezialist der Unternehmensberatung Accenture in der Tasche lassen.

Denn die für den Kauf nötige Information erhielt die Kasse von einem Funkchip an seinem Schlüsselbund. Der "Exxon Mobil SpeedPass" funktioniert in 400 McDonald's-Filialen im Raum Chicago, fünf Millionen Kunden benutzen ihn in amerikanischen Tankstellen und Läden. Abgebucht wird über eine zuvor bestimmte Kreditkarte.

Der Identifikationschip samt Antennenspule im Schlüsselanhänger steht für einen Trend im Einzelhandel, der das Kauferlebnis der Verbraucher nach Einschätzung von Experten merklich verändern wird. Unternehmen wie der Computerkassenhersteller NCR versprechen sich davon Milliardenumsätze. Technische Hilfsmittel beschleunigen und vereinfachen die Shoppingwelt, übernehmen Arbeiten, die bisher Angestellte leisten.

So etikettieren heute in den meisten Supermärkten noch Menschen Produkte oder Regale von Hand mit Preisschildern. Wo "Electronic Shelf Labels", kurz ESL, Kunden über den Kaufpreis aufklären, ist das nicht mehr nötig. ESL, computergesteuerte Auszeichnungssysteme, übertragen Preise über Funk oder Infrarot direkt auf kleine elektronische Schilder am Regalplatz. Ein Zentralrechner verwaltet und aktualisiert die Preise an Kasse und Regaldisplay.

Jüngere Kunden schätzen neue Techniken

Auch in Deutschland. Einzelhändler Volker Bergmann zeichnet in seinem Edeka-Markt in Neumünster bereits 10.500 von 15.000 Artikeln mit dem System RealPrice von NCR aus. Trotz harter Konkurrenz in 500 Metern Entfernung habe er seinen Umsatz damit um zehn Prozent gesteigert, sagt Bergmann: "Gerade jüngere Kunden schätzen neue Techniken im Supermarkt."

Die Supermarktkette Giant Markets aus Binghamton, New York, will nach einem erfolgreich verlaufenen Pilotversuch 12.400 RealPrice-Schilder in jedem ihrer Märkte installieren. Pete Bartolotta, Manager in NCRs Geschäftssparte RealPrice versichert, dass sich das auch rechnet: "Handelsunternehmen können mit der Technologie einen Ertrag aus ihrer Investition nach 12 bis 18 Monaten in jedem Laden erwarten."

Dass ESL inzwischen marktreif ist, verdankt die Technologie auch dem so genannten elektronischen Papier. Die neueste Version des Herstellers E-Ink (E-Tinte) mit Sitz in Cambridge, Massachusetts, ist ein drei Millimeter dünnes, biegbares Display aus Millionen mikroskopisch kleiner, in Flüssigkeit schwimmenden Kügelchen. Die Kugeln sind je zur Hälfte schwarz und weiß und lassen sich durch elektrische Ladung drehen und zu Buchstaben und Bildern anordnen.

"SmartPaper"-Schilder des E-Ink-Konkurrenten Gyricon Media aus Palo Alto im Silicon Valley testet derzeit die Kaufhauskette Macy's in einer ihrer Abteilungen für Kinderkleidung. Pro SmartPaper-Schild müssen die Einzelhändler dabei etwa 100 Dollar hinlegen. Das US-Marktforschungsunternehmen DisplaySearch bezeichnet elektronische Schilder für den Handel bereits als "das am schnellsten wachsende Segment der Flachbildschirmindustrie" und erwartet für sie in den nächsten Jahren einen Umsatz von zehn Milliarden Dollar.

Eine weitere Innovation soll noch in diesem Jahr Einzug auch in deutsche Supermärkte halten: Die so genannte Self-Checkout-Station, eine Selbstzahlerkasse, an der die Kunden selbst ihre Einkäufe scannen, einpacken und bezahlen. Ganz ohne Zutun einer Kassiererin. Das Gerät plappert ihnen mit blecherner Stimme die Preise der gescannten Joghurts, Waschmittel und Getränke vor. Vor dem Wiegen von Obst und Gemüse sucht sich der Einkäufer auf einem Touchscreen-Bildschirm die gewünschte Apfelsorte aus, wiegt die Früchte und hört aufschlussreiche Worte wie "Boskop-Äpfel, ein Kilogramm, 1,79 Euro".

Bezahlt wird bar oder mit Karte. In den USA werden nach Branchenschätzungen in fünf Jahren 20 Prozent aller Kassen im Lebensmittelhandel Selbstzahlermodelle sein. Der Accenture-Berater Oliver Benzecry sieht in den Selbstzahlerkassen jede Menge Sparpotenzial: "Drei Prozent des Umsatzes fallen auf Kosten für Kassiererinnen. Allein in den USA könnten so 20 Milliarden Dollar gespart werden." Der führende Hersteller NCR rechnet mit einem Marktvolumen von zwei bis drei Milliarden Dollar. Derzeit verhandelt er auch mit den größten deutschen Einzelhandelsunternehmen.

Im deutschen Handel noch nicht in Sicht, aber in den von der US-Supermarktkette Stop Shop bereits getestet: personalisierbare Einkaufswagen mit kleinen Computern, in die der Einkäufer seine vorprogrammierte Kundenkarte steckt. So kennt der "Cart Companion" des britischen Unternehmens Unipower Solutions die Wünsche des Kunden und weist ihn beispielsweise auf eine bestimmte Schokoladensorte hin, die im nächsten Regal ausliegt. Ein ähnlicher Wagen des Hamburger Unternehmens Atlas New Media wird derzeit in einem Labor-Supermarkt der österreichischen Handelskette Billa bei Wien getestet.

Noch nicht reif für den Praxistest ist die Technik, an der der Forscher Michael Beigl am Institut für Telematik der Universität Karlsruhe forscht. In seinem Projekt "Aware Goods" will er nicht die Regale, sondern die Produkte selbst mit komplexer Informationstechnologie ausrüsten. "Die Idee ist, dass Güter durch die Überwachung ihres eigenen Zustandes Rückschlüsse über ihren Gebrauchswert ziehen." Die Vision: ein cleverer Chip an jedem Produkt. Ein Milchkarton bestimmt seine voraussichtliche Haltbarkeitsdauer auf Grund der Lagerbedingungen. Wird die Milch zu warm, korrigiert der Karton das Verfallsdatum senkt den Preis.

Berater Benzecry glaubt, dass künftig nicht Industrie und Handel - wie in den Fällen ESL und Selbstzahlerkasse - das Innovationstempo vorgeben werden, sondern die Kunden selbst. "Mit der Zeit", prophezeit Benzecry, "werden die Läden einfach auf die High-Tech-Geräte der Kunden zurückgreifen." Benzecry erwartet kleine Multifunktionsgeräte, Weiterentwicklungen der Organizer und Smartphones - Geräte in der Hand des Kunden, die Ware einscannen und selbstständig das Geschäftliche regeln.

Nicht nur nimmt der E-Commerce, der Einkauf über das Internet nach wie vor zu, auch das stationäre Einkaufen, davon ist Accenture-Berater Durdan überzeugt, wird sich grundlegend verändern. Durdans Einkaufstour der Zukunft: "Ich komme in den Supermarkt, hole die Produkte ab, die für mich zurückgelegt sind. Dann suche ich mir frisches Gemüse und ein saftiges Steak aus. Mein Handy weiß, dass ich im Supermarkt bin, und teilt mir mit, dass ich meinen Lieblingsrotwein in der Weinabteilung abholen kann. Am Ausgang erkennt ein Sensor mich und meine Einkäufe und bucht den Rechnungsbetrag von meiner Kreditkarte ab."

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