Highway 101 – Die Silicon Valley Kolumne
Bewegt sich das Festnetz?

Bei den Festnetzbetreibern wird vielerorts die Dynamik vermisst. Wie in der Musikindustrie vor ein paar Jahren, nimmt dieser Zweig der Telekommunikation Neuerungen instinktiv als Bedrohung des traditionellen Geschäfts mit seinen hohen Margen wahr.

Anlaufschwierigkeiten lassen Wachstumsthemen mühsam und inattraktiv erscheinen. So droht dieser Kommunikationsbereich sein eigenes Aushungern just in dem Moment zu besiegeln, in dem sich mindestens drei große Chancen für ein erfolgreiches Come-Back bieten.

Im traditionellen Geschäft dreht sich die Abwärtsspirale?

Eigentlich sollte die Welt für die eingesessenen Festnetzbetreiber, im Fachjargon auch Incumbents genannt, ja in Ordnung sein. Noch unlängst hätte es sich keines der Unternehmen träumen lassen, dass im Jahre 2003 all die lästigen Newcomer, allen voran das gefräßige Worldcom, vor dem finanziellen Ruin stehen und die gefürchtete Internettelefonie noch immer einen nur unbedeutenden Marktanteil beanspruchen würde.

Und doch ist überall nur von Stellenabbau, schwindenden Anschlüssen und abnehmenden Margen die Rede. Die Schuldigen sind schnell entlarvt:

Der Mobilfunk: Mobile Unternehmen mögen Probleme untereinander, mit Schulden und mit Datendiensten haben, aber bei der Sprachkommunikation ist ihr Gruppenerfolg unleugbar. Funktionalitäten und Preispakete, welche in den USA beispielsweise mobiles Telefonieren am Wochenende kostenlos erlauben, sind inzwischen so attraktiv, dass nicht nur einzelne Gespräche, sondern gar viele komplette Anschlüsse dem Festnetz den Rücken kehren.

Internet-Protokoll: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Wo man auch hinsieht, alle künftigen Kommunikationsprotokolle laufen über das Internet. Dem wird sich letztlich auch die Sprache nicht entziehen können. Auf dem Umweg über interessante und bequeme (Business-) Anwendungen wird die Internettelefonie unmerklich zur Selbstverständlichkeit werden.

Der Regulator: Alles wäre nicht so schlimm, wenn man zumindest das Quasimonopol in der Preisgestaltung nutzen könnte. Doch das verhindert der Erzbösewicht, der Regulator, welcher zudem den verbliebenen Konkurrenten attraktiven Zugang zu den verlegten Hausanschlüssen garantiert. Zu allem Überfluss sind viele Festnetzbetreiber auch noch mit Mobilfunkunternehmen und Internetserviceanbietern verbunden, so dass aggressive Marktgebaren schon von der Konzernführung unterdrückt werden. Bestenfalls ist Produktbündelung erlaubt, welche zwar signifikante Linderung erzeugen kann, aber keine wirkliche Abhilfe schafft. Also dreht sich derzeit in den USA, wie auch in Europa, bei den großen Festnetzanbietern die Abwärtsspirale. Kein unmittelbarer Ruin, aber langsamer Niedergang.

? und die neuen Wachstumsfelder sind anstrengend

Das ist nicht die ganze Geschichte. Breitbandanschlüsse, insbesondere auf Basis der sogenannten DSL-Technologie, sollten den Schwund bei der Sprachtelefonie ja kompensieren. Ausserdem sind da noch die unbegrenzten Möglichkeiten der Mehrwertdienste, insbesondere der sogenannten "Managed Services" im Geschäftskundenbereich. Inzwischen ist jedoch klar geworden, dass diese keine einfache Bonanza darstellen, sondern Geschäfte mit langen Anlaufphasen, besonderen Anforderungen an Fähigkeiten und hartem Wettbewerb. Hohe Anfangsverluste bremsen allerorts den Enthusiasmus.

Die drei grossen Wachstumsfelder

Und doch bieten drei fundamentale technische Entwicklungen derzeit die Basis für ein Comeback des Festnetzes.

Die Digitalisierung des Heims: Es ist nicht mehr zu leugnen, mit dem Photoapparat, Fernsehen und Radio werden bald die letzten Elektronikbastionen digitalisiert. Der Umbruch läuft derzeit über digitale Kameras, DVD-Kassetten und-Abspielgeräte, sowie über die Spielekonsolen von Sony und Microsoft. Zudem nimmt neben Photos auch die Musik derzeit die Internethürde. Seit dem Tod von Napster muss sich schon einiges getan haben, wenn Sony-CEO Noboyuki Pei öffentlich verkündet: " Vor sechs Jahren verlangte ich von Sony Music anzufangen mit IBM zu arbeiten, um herauszufinden, wie man eine sichere Distribution über das Internet anbieten könnte. Aber niemand bei Sony Music hörte mir zu. Vor sechs Monaten nun verfielen sie in Panik. Sie müssen ihre Einstellung ändern, weg vom Albumverkauf und hin zum Verkauf von Singles, so billig wie möglich - auch für 20 oder 10 cents - über das Internet ? um Micropayments zu erhalten." Auch Johannes Mohn aus der Bertelsmannfamilie führt inzwischen Internetmusik auf dem iPod von Apple bei Kongressen vor. Alle digitalen Medien werden letztlich elektronisch ins Haus kommen. In den USA führen heute die Kabelanbieter dieses Geschäft an, aber vielleicht rappeln sich in Europa die Festnetzanbieter ja noch rechtzeitig auf.

Aufsteiger WiFi: Die als Wireless Local Area Network (WLAN) gestartete Technologie, auch unter dem abstoßenden Akronym 802.11a (b,g ?) bekannt, ist inzwischen nicht nur für die drahtlose Vernetzung des Hauses beliebt. Hot Spots wie Flughäfen, Bahnhöfe und in den USA auch Starbucks Kaffehäuser und jüngst MacDonald?s Restaurants werden derzeit damit ausgestattet. Die treibende Kraft ist Intel, welches heuer 300 Millionen US$ allein in die Werbung seines WiFi Centrino Chips steckt. "Derzeit gibt es weltweit etwa 40 Millionen WiFi Nutzer und täglich kommen 15.000 Zugangsstationen hinzu. Damit wächst WiFi deutlich schneller als die mobile Telefonie" behauptet Intel-Vorstand Craig Barret. In San Francisco und dem benachbarten Silicon Valley haben sich SFLAN und Bay Area Research Wireless Network zusammengetan, um erstmals als Basisbewegung private Knoten zusammenzuschalten und so ein WiFi Maschennetz zu bilden. Nachdem Siemens in Deutschland demonstriert hat,, dass WiFi entgegen allgemeiner Annahmen auch bei Autobahngeschwindigkeiten noch eingesetzt werden kann, reift hier eine viel versprechende Technologie heran. Doch großen Telekommunikationsanbietern fehlen in diesem harten Wettbewerbsumfeld heute oftmals klare Konzepte, um WiFi mit dem Festnetz zu einem attraktiven Geschäftsangebot zu kombinieren.

Grid Computing: Während WiFi noch primär von Individuen getrieben wird, liegt Grid Computing ("Netzwerkrechnen") klar im Geschäftskundenbereich. Das heute von IBM propagierte Konzept ist letztlich dem alten Slogan von SUN "Das Netz ist der Computer" abgeleitet. Allerdings denkt man heute weniger ans reine Rechnen, sondern primär an verteilte Anwendungen und Speicher. Eng verwandt ist das so genannte " Utility Computing", auch als "Rechenleistung aus der Steckdose" bekannt. Unternehmensintern werden erste Etappen, wie die Konsolidierung von Servern und Speichern über Netzwerke, schon in der Breite umgesetzt. Bei geeigneten Angeboten würde auch das öffentliche Netz dafür genutzt werden. Dieses Geschäft umfasst außer (reichlich) Bandbreite auch wichtige Dienste wie Sicherheit und verteilte Speicher, und gibt somit den klassischen "Managed Services"-Angeboten neuen Auftrieb. Wiederum müssten Festnetzbetreiber jetzt in dieses Zukunftsgeschäft einsteigen.

Wer schafft den Wandel?

Es ist nicht leicht für die großen Festnetzanbieter, welche fast allesamt aus Monopolisten hervorgingen, diese chancenreichen Zukunftsgeschäfte anzugehen. Schließlich haben die Unternehmen viele ihrer dynamischsten Mitarbeiter Ende des letzten Jahrzehnts an die so genannten "Wachstumsfelder" Mobilfunk und Internet verloren. Selbst wenn viele von diesen Personen wieder verfügbar wären, so könnte die Restrukturierung des Kerngeschäfts eine schwierige simultane Einstellung und Entlassung von Mitarbeitern erfordern.

In jedem Fall liegen im Festnetzbereich große Aufgaben für Manager in der Telekombranche. Lassen wir uns von ihnen überraschen!

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