Highway 101 – Die Silicon Valley Kolumne
Endspiel der mobilen Telekommunikation

Trotz allen Enthusiasmus wird der Übergang zur mobilen Datenwelt, wenn er denn endlich kommt, eher graduell erfolgen. Im Silicon Vallley glaubt kaum jemand mehr an Prognosen unbegrenzten Wachstums.

Unter diesen Randbedingungen sind die Strukturen in der heutigen mobilen Telekommunikationsindustrie, von Operatoren bis hin zu Endgeräteherstellern, instabil.

Und während Deutschland noch im Nachglanz der CeBIT strahlt, denken Spieler in den USA darüber nach, Endspielszenarien zu gestalten. Immer wieder werden kritische Vergleiche mit der Entwicklung bei PCs, sowie der Unterhaltungselektronik, angestellt. Hierbei ist vor allem Asien im Blickfeld.

Einem durchschnittlichen Besucher der CeBIT musste es angesichts der Vielzahl der neuen Endgeräte und Dienste im mobilen Bereich fast schwindlig werden. Bei so viel Innovation scheint das Comeback der Branche vorprogrammiert und Unternehmen müssten sich darauf konzentrieren, ihren Platz an der Sonne zu sichern.

Anders ist die Stimmung im Silicon Valley. Die Erfahrung, dass ein reichhaltiges Angebot keine starke Nachfrage garantiert, sitzt nach dem Internet-Boom noch schmerzhaft in den Knochen. Kaum ein Insider glaubt an stark wachsende Nutzerzahlen ("es gibt nur ein China auf diesem Planeten") oder einen drastischen Anstieg der Nutzungsgebühren.

Statt dessen wird erwartet, dass abflachendes Wachstum verbunden mit dem steten Zusammenwachsen mit der Datenwelt und der Unterhaltungselektronik die gesamte mobile Telekommunikationsindustrie einem Strukturwandel unterziehen wird.

Der Vergleich mit der PC-Industrie

Nicht nur im Silicon Valley wird immer wieder der Vergleich zwischen der Mobiltelefonindustrie und der PC-Industrie angestellt. Während bislang die zentrale Frage schien, wann denn in der mobilen Kommunikation der Reifegrad der PC-Industrie erreicht werde, nimmt man zunehmend auch die Unterschiede zwischen den beiden Industrien wahr.

Der wichtigste Unterschied besteht sicherlich in der Existenz von Operatoren, welche bei der mobilen Kommunikation zunehmend die Kundenschnittstelle dominieren. Dafür gibt es bei Handies keine dominante IBM, welche Standards diktieren und als Königsmacher fungieren könnte. Man ist sich in den USA auch bewusst, dass Amerika im Mobilfunk keine Sonderrolle als Technologieführer und Lead-Markt einnimmt. Insbesondere Asien, Massenmarkt und Quelle billiger und/oder innovativer Anbieter, wird als globaler Konkurrent gesehen. Zudem gibt es bereits eine hochentwickelte IT-Industrie: Einerseits dient diese als "historische Erfahrung" für die Mobiltelefonie, um etwa die Bedeutung von Betriebssystemen zu verstehen. Andererseits beherbergt die Datenwelt auch hungrige Giganten wie Intel und Microsoft, welche selbst auf den mobilen Markt drängen. Last not least ist das mobile Endgerät von Anfang an ein Konsumerprodukt, welches mehr als nur rudimentäre "graphische Benutzeroberflächen" fordert.

Macht und Ohnmacht der Operatoren

Brancheninsider sind sich einig, dass die Operatoren als Kategorie zunehmend an Macht gewinnen. Sie dominieren die Endkundenbeziehung und bauen diese, auch durch Eigenmarkenpflege beim Endgerät, kontinuierlich aus.

Doch die Betreiberlandschaft in sich ist kaum als stabil zu bezeichnen. Trotz aller Differenzierungsbemühungen werden Preis und Verfügbarkeit, in Form von Abdeckung oder auch Zellendichte, noch immer als Kernkriterien angesehen. Hier in den USA gibt es mit sechs nationalen Opertoren Verizon Wireless, Cingular, Sprint, AT&T Wireless, Nextel und T-Mobile, nebst kleineren Unternehmen mit insgesamt 25% Marktanteil, eine besonders instabile Situation. Konsolidierung oder zunehmender Preiskrieg scheint unausweichlich - selbst ohne eine lizenzbedingte Überschuldung wie in Europa. Zukunftsanalogien zu den chronisch instabilen US-Luftfahrtgesellschaften stellen inzwischen kein Tabu mehr dar.

Die Operatoren werden auch weltweit in einer gewissen Paralyse gesehen: Attraktive Merger innerhalb einer geographischen Region sind lizenztechnisch und kartellrechtlich bedenklich. Für überregionale Merger&Acquisitions fehlt das Geld, da Synergien schwerer zu realisieren sind als einst prognostiziert. Da die meisten etablierten Operatoren - bei Vernachlässigung der Schuldenzahlungen - Cash generieren, wird so schnell niemand aufgeben. Im Zweifelsfall kann man sich immer in die Chapter 11-Insolvenz retten.

Mit Spannung wird verfolgt, ob Vodafone, als einziger globaler Anbieter, es schafft, einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil zu generieren. Ausgerechnet im wichtigen US-Markt ist Vodafone jedoch (noch?) in einer Minderheitsbeteiligung mit Verizon Wireless.

Ehemals integrierte Betreiber hängen auch immer wieder Gedanken nach, im Zusammenhang mit der bevorstehenden Digitalisierung und drahtlosen Vernetzung des Heimbereiches kombinierte fixed-wireless Dienste anzubieten. Doch ist dieser Weg den Unternehmen in den USA inzwischen durch organisatorische und geographische Inkongruenzen verwehrt.

Der Endgerätemarkt

Das PDA-Segment hat inzwischen das WINTEL-Duopol fest in der Hand und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Margen der Endgerätehersteller denen bei PCs gleichen. Bei einem Weltmarkt von nur etwa 12 Millionen Geräten ist das Segment derzeit jedoch zweitrangig. Aber auch bei den über 400 Millionen Mobiltelefonen sieht man die Endgeräteanbieter, wie etwa Marktführer Nokia und Motorola, in der Klemme. Sie haben zwar von der PC-Industrie gelernt, nicht einfach das Betriebssystem von Microsoft zu beziehen. Doch andere Faktoren setzen sie unter Druck:

1. Die Operatoren kontrollieren Vertriebskanäle und zunehmend auch Marken.

2. Die Komponentenhersteller, allen voran die Chipproduzenten, schlucken einen zunehmend größeren Teil der Integration und damit der Wertschöpfung.

3. Billige, oft konsumerorientierte Produzenten aus China ,Taiwan und anderen asiatischen Ländern drängen auf den Markt.

Die neuen Angebote von Orange oder T-Mobile, welche die Marke des Betreibers mit der Software von Microsoft und der OEM-Hardware von HTC aus Taiwan verbinden, werden mit Spannung beobachtet. Sie demonstrieren, wie obige Trends zur zunehmenden Ausschaltung traditioneller Endgerätehersteller führen könnten. Selbst Nokia wird mit Geschäftssysteminnovationen aufwarten müssen.

Aufgrund der schmerzhaften Erinnerung an die Vernichtung der amerikanischen Unterhaltungseletronikindustrie vor einigen Jahrzehnten werden die Asiaten hier besonders kritisch beobachtet. Wenn Hersteller in China, dem größten Mobilfunkmarkt der Welt, aus dem Nichts ein Viertel des lokalen Marktes erobern, und Japaner und Koreaner Kameras und andere Konsumerfunktionalitäten in mobile Endgeräte hineintragen, so löst das im Silicon Valley Schockwellen aus.

Komponenten und Software

Bei Komponenten ist die Parellele zum Siegeszug bei PCs am stärksten. Im Halbleiterbereich leisten sich insbesondere Texas Instruments und Intel, welche beide wesentliche Fortschritte auf dem Weg zum "Multimedia-Phone on a Chip" demonstriert haben, einen erbitterten Kampf, welcher die Konsequenzen des Zusammenwachsens der Sprach/ Datenfunktionalität demonstriert. Wireless, ob mobil oder über WLAN, steht bei Intel inzwischen unangefochten an oberster Priorität, was auch im neuen Centrino-Konzept demonstriert wird.

Bei den vieldiskutierten Softwareplattformen sieht man hier zwei mögliche Endspiele: Entweder Microsoft schafft es trotz aller Rückschläge doch noch - über die Operatoren - eine profitable proprietäre Position mit Anbindung an die IT-Welt aufzubauen. Oder eine Symbian - (oder gar Linux-) basierte Plattform generiert selbst keine wesentlichen Gewinne. Es ist schwer zu sehen, wie selbst ein so verdientes unabhängiges Silicon Valley Unternehmen wie OpenWave heutzutage eine dominante Softwareposition aufbauen könnte. Und einem Nokia traut man es kaum zu, den Interessenskonflikt zwischen seiner Softwareplattform und dem Rest des Unternehmens nachhaltig zu lösen.

Der Infrastrukturmarkt

Aufgrund der anhaltenden Unsicherheiten bezüglich 3G wird die Situation im Infrastrukturbereich auf lange Zeit als schwierig angesehen. Und in der Tat kämpft selbst Marktführer Ericsson mit einer prekären Finanzsituation. Dies wird verstärkt von einer zunehmenden Konvergenz hin zum IP-Protokoll, welches "Switching Costs" senkt und die Wettbewerbsintensität in diesem Segment zunehmen lässt. Ein Teil der Lieferanten versucht, sich durch gesamtheitliche Lösungen zu differenzieren - wird dabei aber entweder zum Integrator oder läuft Gefahr, auf den kleinsten gemeinsamen Nenner seiner Plattformen reduziert zu werden. Eine integrierte Differenzierung als "Single Source" scheitert auch am derzeitigen Einkaufsverhalten der Carrier.

Ohne Zugang zum Endkunden scheint die Horizontalisierung der Systemanbieter somit vorprogrammiert. Doch keiner der großen Anbieter hat bisher entscheidende Fortschritte in dieser Richtung gemacht. In der Zwischenzeit setzen US-amerikanische Unternehmen auf die politische Lobby, damit ihre Regierung beispielsweise bei Auftragsvergaben in China etwas Schützenhilfe leistet.

Fazit

Selbst für eine Region wie das Silicon Valley, welche Industrierestrukturierungen gewohnt ist, ja davon lebt, ist es spannend, was in der mobilen Telekommunikation bevorsteht. Trotz des Kurzfristbooms der Vermarktung mobiler Daten stärkt sich hier zunehmend der Eindruck, dass das Endspiel der mobilen Telekommunikation schon eingeläutet worden ist. Die Trends sind klar - nun entscheiden die Akteure.

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