Highway 101 – Die Silicon Valley Kolumne Nr. 32
Angriff auf die 3G-Technologie

Bis vor kurzem galt es als abgemachte Sache, dass mobile Datenkommunikation künftig auf Mobilfunknetzen der dritten Generation stattfindet.

Als Killerapplikation wurden das mobile Internet und die kommerziellen Möglichkeiten des "M-Commerce" gefeiert. Die evolutionäre Weiterentwicklung von Handys sollte den Telekommunikationsunternehmen sprudelnde Geldquellen erschließen.

Doch diese Euphorie ist vorbei. Asien hat uns gelehrt, dass Smart-Phone-Applikationen von Kommunikation (inklusive Kameras) und Unterhaltung beherrscht werden - ohne neue 3G-Anwendungen. Bei Endgeräten versucht die IT-Industrie den PDA (bald mit Kopfhörer) als Alternative zum Handy zu positionieren. Und bei drahtlosen Datennetzen erobert derzeit Wi-Fi als lokale Lösung den Markt. Insgesamt wird eine vielschichtige Infrastruktur für mobile Datenkommunikation erwartet.

Nach den sündhaft teuren Versteigerungen der UMTS-Lizenzen für die Mobilfunknetze der dritten Generation diskutierten wir im Jahr 2000 in dieser Kolumne die These "Ist Europa ein Kontinent von UMTS Lemmingen?". Es wirkte unverständlich, dass trotz der Nachfrageunsicherheiten, des vorprogrammierten Wettbewerbdrucks und der hohen Lizenzgebühren kein einziger großer Anbieter die Gefahr erkannte und nach Alternativen suchte. Die Grundsatzfragen waren damals schon klar: Brauchen wir so viel Bandbreite bei voller Mobilität? Müssen mobile Daten mit Sprache integriert werden? Allerdings gab es noch wenige Hinweise auf mögliche Alternativen und das einzige großflächige Experiment für mobile Datendienste, "Ricochet" von Metricom, ist inzwischen finanziell gescheitert.

In den USA, die das digitale Mobilfunknetz zunächst verschlafen haben und daher erst spät mobile Breitbanddienste entdeckten, läuft die Debatte über 3G-Alternativen auf vollen Touren. An der Westküste wird inzwischen fieberhaft an technologischen Lösungen gearbeitet.

Asien: Noch immer keine Killerapplikation für 3G

Mobile Daten haben sich auf breiter Basis zunächst in Asien etabliert. Während zu Anfang Japan die Innovationen trieb, ist derzeit Korea dabei, dem großen Nachbarn den Rang abzulaufen.

Zwei Dinge sind klar geworden: Mobiles Internet ist nicht die Killerapplikation auf Handys. Kommunikation und Unterhaltung treiben stattdessen die Nutzung mobiler Datendienste auf Smart Phones. Die wichtigste Innovation der letzten Monate war die Einführung des preiswerten Kamera-Handys, mit dem der Anbieter J-Phone zur Nummer 2 des japanischen Mobilfunkmarkts aufstieg. Der mobile Zugriff auf das Internet aber ist ein Bedürfnis, für das Handys ungeeignet sind. Zudem ermöglicht bereits die wesentlich billigere Aufrüstung der Mobilfunknetze auf die sogenannte zweieinhalbte Generation (2,5G) die Bereitstellung der meisten geplanten Datenapplikationen von 3G. Bei 3G geht es natürlich etwas schneller und besser, doch dafür wird sich kein großer Preisaufschlag durchsetzen lassen. Kaum überraschen konnte die Reaktion der japanischen Konsumenten auf andere Aspekte der bisherigen 3G-Einführung. Die schweren Endgeräte, kurze Batterielaufzeiten und mangelhafte Netzabdeckung enttäuschten die Erwartungen.

Der Angriff der IT-Industrie

Inzwischen ist klar, dass ein Angriff der IT-Industrie auf den mobilen Datenmarkt bevorsteht. Bei den Endgeräten wird der PDA für mobile Datenkommunikation vorangetrieben. Die große Koalition heißt: Intel, Microsoft und die "Neue HP" (Hewlett-Packard nach der Einverleibung von Compaq). Dabei ist klar, dass für eine Konkurrenz zum "Smart Phone" unbedingt Sprache auf das Endgerät gebracht werden muss. Die Annahme der IT-Koalition ist hierbei, dass als integriertes Sprach-Daten-Kommunikationsgerät ein PDA mit Kopfhörer einem auf Mund/Ohr ausgelegten "Smart Phone" überlegen ist. Intel will als Teil seines ambitionierten "X-Scale" Programms in Kooperation mit Analog Devices bis Jahresende die Sprachfunktionalität in die Chips des PDA integriert haben. Der Vorteil der IT-Allianz ist, dass sie die nahtlose Synchronisation von Addressen, Kalender und E-Mail mit dem PC erlaubt. Damit wird die Verwaltung der Kommunikation wesentlich einfacher als auf dem Telefon. Inbesondere berufliche Nutzer werden dies zu schätzen wissen. Im Vergleich zu Mobiltelefonen ist die derzeitige Basis der PDAs verschwindend klein. Doch wenn das Sprachmonopol des Handys fällt, könnte sich dies bei der nächsten Generation ändern.

Wi-Fi kommt

Zuletzt ist und bleibt eine der größten offenen Fragen, wie die Infrastruktur für breitbandige Datenkommunikation bereitgestellt wird. Kritisch ist dabei die Finanzierung der 3G Netze. Derzeit sind alle Geldquellen der Diensteanbieter versiegt: Dem Aktienmarkt ist der Appetit auf Telekommunikation vergangen. Anleihen sind nur noch zu Wucherzinsen möglich. Und auch die Cash-Maschine der mobilen Dienste der 2. Generation ist aufgrund des Preisverfalls ins Stocken geraten.

So werden inzwischen billigere Alternativen reiner Datennetzwerke in Betracht gezogen. Denn letztlich gibt es kaum eine Anwendung, die Sprache und Daten über das gleiche Netz abwickeln muss.

In diesem Zusammenhang ist eine weitere Entwicklung bedeutsam: Im Verlauf des letzten Jahres hat das drahtlose lokale Netz, unter den Namen "Wireless LAN", "Wi-Fi" oder auch "802.11b" einen Siegeszug begonnen. Von Unternehmensstandorten bis hin zu Flughäfen - überall kann man sich zunehmend drahtlos vom Computer ins Internet einloggen. Diese lokalen Lösungen sind natürlich nicht wirklich mobil, aber zumindest portabel, wie man die begrenzte Bewegungsfähigkeit innerhalb eines lokalen Netzes nennt.

Alternative Netzwerkstrukturen

Wi-Fi hat die Debatte um reine IP-Mobilnetzwerke erneut belebt. Es hat auch die Frage aufgeworfen, ob nicht aus lokalen Lösungen ein weitflächiges Netzwerk wachsen könnte. Mindestens drei junge Technolgieunternehmen erfreuen sich derzeit mit ihren IP-basierten Datensystemen großer Aufmerksamkeit: ArrayComm aus Menlo Park, Kalifornien; Flarion, ein Lucent Spin-Off; und Broadstorm aus der Gegend von Seattle, Washington. Sie unterscheiden sich konzeptionell in der Annahme, wie schnell sich der Nutzer fortbewegen wird. ArrayComm meint, ein Dienst dürfe bei höherer Geschwindigkeit leistungsschwächer werden - wer will schon bei 200km/h surfen? Flarion dagegen hält schnelle Bewegungsfähigkeit für unabdinglich. Es bemüht sich aber um Wi-Fi-Kompatibiliät, um lokal niedrigere Übertragungsgeschwindigkeiten auszugleichen. Broadstorm segmentiert Anwender und Produkte nach Mobilitätsbedürfnissen.

Eine andere innovative Idee sind sogenannte "Mesh Networks" (Maschen-Netzwerke). Sie versuchen, ein drahtloses Datennetz analog zum Internet durch Verkettung lokaler Knoten zu bilden. Die Grundidee ist einfach. Man startet mit einer Basisstation mit begrenztem Radius. Bei Mesh Networks ist jeder angeschlossene Emfänger (etwa eine Hausantenne) selbst auch Sender und erweitert somit den Senderadius des Netzes. In Kalifornien gibt es hierzu zwei Pilotversuche: Von Nokia in Santa Rosa und von SkyPilot in Menlo Park. Wenn die Endgeräte selbst Sender und Empfänger sein können, entstehen daraus sogenannte Ad-Hoc Netzwerke. Diese Ad-hoc Netzwerke können auch unabhängig von einer Basisstation miteinander kommunizieren, was insbesondere für Veranstaltungen und Gruppen interessant ist. Die bekannte "Bluetooth"-Technolgie ist beispielsweise ein (sehr limitierter) Ad-hoc Standard.

Dynamische Zukunft

Mit den Vor- und Nachteilen all dieser Ideen könnte man Bände füllen, von Standard- und Kompatibilitätsfragen über Themen wie Sicherheit bis hin zu Geschäftsmodellen. Die schöne, geordnete und länderübergreifend einheitliche 3G-Welt wird indes nicht erreicht. Doch im Silicon Valley glaubt man, dass die Idee einer sich monolithisch entwickelnden 3G-Welt angesichts der explodierenden Kosten nicht der heutigen Realität entspricht und die mobile Datenkommunikation sich wesentlich vielfältiger entwickeln wird - nicht zuletzt aufgrund der beschriebenen Innovationen.

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