Highway 101 – Die Silicon Valley Kolumne Nr. 36
High-Tech Trends und Geschäfte in 2003

Eine Jahreswende bietet stets Anlass zum Blick über das Tagesgeschehen hinaus, zurück wie auch nach vorne.

Der Blick in den Rückspiegel ist für das Silicon Valley wenig erfreulich. Mag die katholische Kirche von einem "Annus horribilis" sprechen, so muss man sich hier inzwischen an die Pluralform "Anni horribiles" gewöhnen. Seit über zwei Jahren geht es steil bergab, selbst die Gas- und Wasserwerke und der Bundesstaat Kalifornien stehen vor leeren Kassen.

Doch amerikanische High-Tech Pioniere schauen nicht zurück, sondern nach vorn. Was sind die heißen Themen und Trends für 2003?

Der sorgfältigste aller Wahrsager ist noch immer das lokale Magazin "The Red Herring" (www.redherring.com), eine der wenigen High-Tech Publikationen, welche unabängig geblieben sind. Es befragt ab August alles, was im Silicon Valley Rang und Namen hat, nach der Zukunft und veröffentlicht darauf aufbauend die Top Trends für das Neue Jahr.

In der Tabelle analysieren wir die wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Trends:

1. "Wireless", Trend: WiFi (auch WLAN genannt) breitet sich stark aus negativ, Wirtschaftliche Auswirkung auf High-Tech: Verzögerung von 3G in den USA überschattet WiFi Investitionen

2. Hardware/Software, Trend: "Virtualisierung" von Unternehmens-ressourcen erlaubt die effektive Einbindung ungenutzter IT-Systeme, Wirtschaftliche Auswirkung auf High-Tech: negativ - Stärkere Wiederverwendung vorhandener Systeme verzögert Neuinvestitionen

3. Venture Capital, Trend: VC?s sterben nur langsam, selbst wenn, gemessen am Fondsvolumen, 2003 auf das Niveau von 1990 zurückgeworfen wird Wirtschaftliche Auswirkung auf High-Tech: negativ - Zu viel Geld wird in "Management Fees" alter Fonds ohne Wachstumsperspektiven verschwendet, anstatt investiert zu werden

4. Halbleiter, Trend: "Sicherheit auf Chips" (anstatt wie bisher "Sicherheit durch Software"), Wirtschaftliche Auswirkung auf High-Tech: neutral - Die Zusatzfunktionalität bei Halbleitern wird ohne Preisaufschlag angeboten werden, aber Sicherheit ist so wichtig, dass SW-Firmen auch nicht leiden werden

5. Nanotechnologie, Trend: Die Risiken von Nanotechologien werden eine breite öffentliche Diskussion auslösen,Wirtschaftliche Auswirkung auf High-Tech: negativ - Politisierung bremst: Analog zu Biotech bei Pflanzen sollte die Nanotech Industrie eine Auszeit einplanen

6. Finanzen, Trend: High-Tech wird die Bilanzierung von Aktienoptionen für Mitarbeiter akzeptieren müssen, Wirtschaftliche Auswirkung auf High-Tech: negativ - Nicht nur werden Ergebnisse buchhalterisch schlechter, es werden auch negative Auswirkungen im Wettbewerb für Talente erwartet

7. Telekommunikation, Trend: Die "Chapter 11 Zombies" (in Insolvenz operierende Unternehmen) belasten die gesamte Industrie negativ, Wirtschaftliche Auswirkung auf High-Tech: Neue Insolvenzen werden erwartet und keine großen Summen sind für Neuinvestitionen in Sicht

8. Biotech, Trend: Bioterrorismus-Abwehr wird, etwas verspätet, die Industrie ankurbeln, Wirtschaftliche Auswirkung auf High-Tech: positiv - Die erwarteten 6 Milliarden US$ ist die größte Summe, welche je ein Staat in Biotech investiert hat

9. Rundfunk, Trend: Digitales Radio wird Wirklichkeit - allerdings nur über 10-15 Jahre, Wirtschaftliche Auswirkung auf High-Tech: neutral - Zu langsam, kein spürbarer Effekt im nächsten Jahr

10. Breitband, Trend: Kabelunternehmen bauen Breitbandvorherrschaft aus Wirtschaftliche Auswirkung auf High-Tech: neutral - Kabel gewinnt, Telekommunikation verliert, derzeit eher Nullsummenspiel als Breitbandboom

Zunächst die schlechte Nachricht: Wenn man sich die Trends kritisch ansieht, so hat nur einer (Nr. 8.: Bioterrorismus Abwehr) eine eindeutig positive Auswirkung auf die High-Tech Industrie. Alle anderen Trends haben negative oder bestenfalls neutrale Auswirkungen, auch wenn sie bei den Kunden willkommen oder gesellschaftlich begrüßenswert sein mögen (wie beispielsweise 1 .Virtualisierung oder 5. Öffentliche Diskussion über Nanotechnologie).

Nun zur guten Nachricht: Entgegen seiner Selbsteinschätzung hat auch The Red Herring historisch betrachtet bestenfalls einen mittelmäßigen Erfolg in der Trendvorhersage. Somit bleibt genügend Raum für Optimismus. Wer sich allerdings bemüht, nicht nur generell, sondern spezifisch optimistisch zu sein, wird sich diese Jahr wieder einmal etwas anstrengen müssen.

Viel Erfolg in 2003!

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