Highway 101 – Die Silicon Valley Kolumne Nr. 50
Sieben Thesen zum Handy der Zukunft

Schwindelerregende Absatzzahlen, Machtkämpfe der Telekommunikations- und Konsumgütergiganten und immer neue Diskussionen über künftige Applikationen und Dienste bestimmen heute den Markt für Mobiltelefone. Ein entscheidender Faktor ist das vieldiskutierte "Handy der Zukunft".

Auf unserem Planeten leben heute knapp 6,5 Milliarden Menschen. Jeder zehnte davon wird sich im Jahr 2004 ein Mobiltelefon gekauft haben, zusammengenommen etwa 650 Millionen Handys. Die Gesamtzahl der heutigen mobilen Anschlüsse beträgt inzwischen über 1,5 Milliarden und übertrifft seit 2002 die etwas über ein Milliarde Festnetzanschlüsse. In hoch entwickelten Ländern wie Deutschland besitzen inzwischen fast 88% der Einwohner (wobei alle, von Säuglingen bis Koma-Patienten, mitzählen) ein Handy.

Damit ist das Mobiltelefon zur uneingeschränkte ?Königin unter den modernen Konsumgütern? gekürt. Die knifflige Frage, wie das ?Handy der Zukunft? denn nun beschaffen sein wird, beschäftigt daher nicht nur die großen Hersteller Nokia, Motorola, Samsung, Siemens, SonyEricsson und LG. Sie ist auch eines der zentralen Themen für die gesamte Telekommunikations- und zunehmend die Medienindustrie. Obgleich auch wir keine vollständige Antwort darauf geben können, wollen wir doch sieben Thesen zur Diskussion beitragen:

These 1: Es wird kein "General Purpose Mobile Device" geben

Es wird oft spekuliert, ob es ein generisches ?Handy der Zukunft? geben wird, das ähnlich wie bei Computern in weiten Teilen standardisiert ist. Viele Eigenschaften, wie zum Beispiel farbige Displays und der Zugriff auf mannigfache Kommunikationsprotokolle, werden auch tatsächlich in jedes Handy Einzug halten. Trotzdem ist das Standardhandy in einer von Datenanwendungen dominierten Welt kaum vorstellbar, da es zu viele ?Trade-Offs? gibt zwischen Formfaktor (Größe, Gewicht, User Interface), Preis, Batterieleistung und Funktionalitäten (Sprache, e-mail, Musik, Video und vieles mehr).

These 2: Das mobile Endgerät ist der Fokuspunkt der Konvergenz

Seit mehr als zwei Jahrzehnten wird viel über die Konvergenz von Sprache, Daten und Medien diskutiert. Mit der Digitalisierung aller Bereiche ist sie technisch vollzogen, ohne dass sich dies unmittelbar auf die Geräte und Nutzergewohnheiten ausgewirkt hätte. Beim mobilen Endgerät entsteht jedoch ein besonders starker Druck, da niemand gerne viele Geräte mit sich herumträgt. Daher ist es kein Zufall, dass beispielsweise mit dem Blackberry das m. E. erste gelungene Gerät der integrierten Sprach-/Datenkommunikation entstanden ist. Oder dass der Computerhersteller Apple mit dem iPod den erfolgreichsten mobilen Musikplayer (ohne Telefonfunktion) hervorgebracht hat, welcher seit Ende Oktober 2004 auch einen Photoapparat integriert. Wie in These 1 ausgeführt, wird es keine mobile ?eierlegende Wollmilchsau? geben. Aber begrenzte innovative Teilkombinationen Eier/Milch oder Wolle/Sau sind elektronisch im Anmarsch.

These 3: Hardware und Software bleiben bei mobilen Endgeräten verknüpft

Die Bedeutung der Software beim Handy wird ständig zunehmen, auch wenn sich derzeit noch keine Standardplattform für ?Smartphones? herauskristallisiert hat - Symbian, Windows CE, Linux, PalmSource und andere sind alle noch plausible Kandidaten. Es ist jedoch nicht abzusehen, dass künftige Funktionalitäten, wie beim Notebook, nur in Softwareapplikationen abgebildet werden. Die meisten neuen Anwendungen müssen mit dem Formfaktor eng abgestimmt sein, um komfortabel genutzt werden zu können - dies war einer der Erfolgsfaktoren von RIM/Blackberry.

These 4: Da Kameras und Farbdisplays da sind, werden sie auch genutzt werden

Zwei Drittel der heutigen Handys haben Farbdisplay und circa 44% haben eingebaute Kameras. Zusammen machen diese beiden Komponenten etwa 30% der Kosten eines Mobiltelefons aus. Der Erfolg von Kameras kam für viele unerwartet, da sie von den Verbrauchern zwar verlangt, aber kaum genutzt werden. Es gibt jedoch bisher kein Beispiel dafür, dass solch weit verbreitete Funktionalitäten auch wieder verschwunden wären. Stattdessen ist davon auszugehen, dass diese omnipräsenten Funktionen Innovationen im Bildbereich hervorbringen, die dann auch zunehmend genutzt werden.

These 5: Klassische ?Konsumgüter-Economics? werden Einzug halten

Auch wenn Hersteller schon immer scharf kalkuliert haben, so konnten sie doch bisher teure Neuerungen unverhältnismäßig leicht in den Markt bringen, da in vielen der hoch entwickelten Ländern Handys noch immer stark von den Operatoren subventioniert werden. Mit dem beginnenden Abbau solcher Subventionen wird jedoch die für Konsumgüter typische starke Preiselastizität zunehmend den Markt bestimmen.

These 6: Asien wird die nächste Handygeneration bestimmen

In Asien leben 60% der Menschheit. Der Kontinent enthält heute sowohl die innovativen ?Lead?-Märkte Korea und Japan, als auch die Wachstumsmärkte China, das restliche Südostasien und schließlich Indien. Daher werden Asien und die Bedürfnisse seiner Bevölkerung für die künftigen Generationen von Mobiltelefonen entscheidend sein. Eine erste Abstimmung zwischen Japan, Korea und China zu 4G gab es bereits. Und ein Billigtelefon für Indien und das westliche China wird nicht ausbleiben.

These 7: Operatoren können nur zusammen mit Herstellern Innovationen treiben

Seit Beginn des vieldiskutierten Machtkampfes Nokia-Vodafone gehen viele Beobachter davon aus, dass Operatoren zunehmend die Treiber von Innovationen im Mobilfunk sein werden. Bei genauerer Betrachtung ist die Erfolgsbilanz der Operatoren jedoch gemischt. Erfolgreich waren sie nur in sehr enger Zusammenarbeit mit den Herstellern: DoCoMo mit führenden japanischen Herstellern bei iMode, SK Telekom mit Samsung/LG bei 3G oder Nextel mit Motorola bei Push-to-Talk. Andere Innovationen, wie Kameras (Sharp) und Clam-Shell (Motorola) kamen allein von den Herstellern.

Insgesamt bleibt die Frage nach dem Handy der Zukunft spannend. Es gibt auch wenig Zweifel, dass der Markt der Massenware Mobiltelefon in den nächsten Jahren härter werden wird. Aber die zahlreichen Innovationsfelder und die damit verbundenen Unsicherheiten werden es vorerst zumindest verhindern, dass Mobiltelefone in absehbarer Zeit zu einem reinen Schüttgutgeschäft degenerieren.

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