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„Hihaho, Sommer ist k.o.“

Pfiffe, höhnisches Gelächter, Schmähgesänge: Die T-Aktionäre straften Telekom-Chef Ron Sommer bei der Hauptversammlung ähnlich ungnädig ab wie Fußballfans ihre versagenden Lieblinge. Der Aktienkurs ist im Keller; da kommt Sommers Litanei des Eigenlobs nicht gut an.

KÖLN. Im Leben eines Vorstandsvorsitzenden gibt es Tage wie diesen, da wirkt er schon mittags um eins erschöpft. Ron Sommer, sonst braun gebrannt, sieht blass aus. Seine Kehle ist trocken, und die Atmosphäre um ihn herum ziemlich gereizt. Daran ändert auch die ausführliche Rede des Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Telekom bei der Hauptversammlung in der mit knapp 9 000 Aktionären bis unters Dach besetzten Köln-Arena nichts. Im Gegenteil.

Gut eineinhalb Stunden lang trägt Sommer die Erfolge seiner Firmenpolitik vor. Er steht dabei an einem Pult, das kaum Schutz bietet. Er ist in voller Größe zu sehen, während er seine Litanei des Eigenlobs und der Siegesmeldungen herunter betet. Er redet über den "dynamischen Anstieg der Kundenzahlen" und darüber, dass "der eindrucksvolle operative Erfolg ein weiterer Beleg für die Richtigkeit unserer Strategie ist". Er beschwört die rosarote Zukunft der Firma, mit Umsatzzahlen, Cash-flow und Investitionsquote.

Er hätte all das auch lassen können. Denn egal, wer anschließend an eines der Hallenmikrophone tritt und Sommer Versagen und Misswirtschaft vorwirft, er erhält rauschenden Beifall seiner Aktionärskollegen. Und das hat vor allem drei Gründe: Der Kurs der T-Aktie kennt seit zwei Jahren nur eine Richtung: nach unten. Die Dividende wurde erheblich gekürzt. Nur die Bezüge des Vorstands stiegen im vergangenen Jahr, und zwar deutlich um etwa 50 Prozent. All das bringt den Kleinaktionär in Rage, er spricht deshalb von "Sauerei" und von "dieser unverschämten Ganovenbande da oben". Jella Benner-Heinacher, Geschäftsführerin der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW), nennt es eine "Ohrfeige für alle T-Aktionäre", wenn der Vorstand "in Zeiten der Cholera auch noch Kaviar bestellt".

So entlädt sich der Zorn der Kleinaktionäre bei der Telekom-Hauptversammlung, dem Treffen der Volksaktionäre, heftiger als sonst bei großen deutschen Publikumsgesellschaften üblich. Erster Adressat von Buh-Rufen und Pfiffen ist der Aufsichtsratsvorsitzende Hans-Dietrich Winkhaus, und das schon bei seinen Begrüßungsworten. "Der Aufsichtsrat ist der Überzeugung, dass der Vorstand im vergangenen Jahr gute Arbeit geleistet hat", sagt er, und das kommt nicht gut an diesem Morgen.

In jenem Moment erinnert sich so mancher Kleinaktionär offenbar daran, dass in der gewaltigen Köln-Arena sonst oft Eishockey und Basketball gespielt wird, und dass lautstarke Gemütsäußerungen während derartiger Veranstaltungen zum guten Ton gehören. Frei nach dem Motto: "Hihaho, Sommer ist k.o.", wie eine dreiköpfige Aktionärsgruppe aus dem Sauerland mehrfach brüllt.

Selbstverständlich hatte sich die Telekom vor dem zu erwartenden Zornesausbruch ihrer Eigentümer bestens präpariert: Mehrere Tage haben sie gebraucht, um die gewaltige Veranstaltungshalle in einen Hochsicherheitstrakt verwandelt, mit Metalldetektoren am Eingang, mit unzähligen Bodyguards, die an jeder Treppe und an jedem Eingang stehen und vor allem die Bühne streng bewachen. Schutz soll den darauf sitzenden Managern auch ein gut 1,60 Meter hoher Wall bieten, dessen Oberfläche so glatt wie eine Eisfläche ist und der als schräge Ebene vor die Bühne montiert wurde. "Ja", bestätigt ein Telekom-Mitarbeiter, "wir haben uns auch auf eventuelle Handgreiflichkeiten vorbereitet."

Dazu kommt es nicht. Doch bei der Generaldebatte geht es mitunter zu wie bei den Krawalltalksendungen auf RTL: Wortreiche Sprücheklopfer erhalten Beifall, manche belohnt das Publikum gar mit Standing Ovations. Die in der Verteidigung befindlichen Protagonisten geben sich hingegen kleinlaut. Sie bleiben betont höflich, so wie ihnen das ihre Kommunikationstrainer in den Tagen vor der Hauptversammlung immer wieder eingebläut haben: bloß nicht provozieren lassen, immer verbindlich sein. Und so beantworten Telekom-Chef Sommer und seine Vorstandskollegen die oft polemischen Fragen der Kleinaktionäre ähnlich freundlich, wie ihre Kolleginnen im firmeneigenen Call-Center mit Kundenbeschwerden umgehen.

Was nicht immer leicht fällt angesichts der Qualität der Schmähungen. Der Vertreter der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre, Lars Labryga, bezeichnet die T-Aktie etwa als "Investment für Masochisten, und das nicht nur, weil sich der Kurs so schlecht entwickelt hat, sondern auch, weil die Aktionäre jedes Jahr wieder von nichts sagenden Vorträgen des Vorstands gequält werden." Und DSW-Vertreterin Benner-Heinacher poltert: "In puncto Kapitalvernichtung erfüllt die T-Aktie bereits den Standard des Neuen Markts, und als Zockerpapier gehört sie da inzwischen auch hin." Und außerdem, Herr Doktor Sommer: "Stimmt es eigentlich, dass Sie noch im vergangenen Jahr einen Luxusjet für alles in allem mehr als 100 Millionen Mark bestellt haben? Sind das die Allüren eines Sonnenkönigs?"

Während die Aktionärsvertreter eine heikle Frage nach der anderen ausspucken, senkt Sommer immer wieder leicht den Kopf und bereitet seine Antworten vor: Dann ist von einem König nichts zu sehen, stattdessen spielt er ganz den Diener seines Herren, des Aktionärs.

Sommers Antworten sind ähnlich ausführlich aus wie schon seine Rede am Vormittag - Management by Totquatschen. Er wirft mit Zahlen um sich: Marktanteil, Investitionsquote, Abschreibungshöhe, Akquisitionswährung und so weiter und so weiter. Nur zum Flugzeug sagt er bis zum frühen Abend nichts.

"Das alles ist schon sehr traurig", kommentiert ein Rentner im kleinkarierten Sakko, der mal Schreiner war: "Ich habe mich von denen ködern lassen. Jetzt ist fast alles weg, von wegen: Die T-Aktie taugt sogar zur Altersvorsorge."

Und weil das derzeit tatsächlich nicht der Fall ist, kann es den meisten Aktionären an diesem Tag wohl wirklich niemand recht machen. Nicht einmal die dauerlächelnden Mitarbeiter der Firma Mövenpick, die kostenlos magentafarbene Eisköstlichkeiten an die Besucher verteilen. "Naja, die Telekom hat?s ja", raunt ein Aktionär - und nimmt das Eis trotzdem.

Quelle: Handelsblatt

Peter Brors
Peter Brors
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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