Hilfsappell an Alliierte
Der Irak droht im Chaos zu versinken

Nach dem raschen Vormarsch der Amerikaner und dem Niedergang des irakischen Widerstands breitete sich am Freitag Anarchie aus. In großen Städten wie Bagdad und Mosul klagten Menschen, weder Soldaten noch Sicherheitskräfte sorgten für Ordnung. In der Hauptstadt brach nach Angaben des Roten Kreuzes die Gesundheitsversorgung weitgehend zusammen. Niemand kümmere sich mehr um die Verletzten und Toten. Laut US-Sender CNN kam es zu ersten Lynchangriffen auf Anhänger des entmachteten Präsidenten Saddam Hussein.

HB/dpa BAGDAD. Auch am 23. Kriegstag fehlte von Saddam Hussein jede Spur. Dessen Geburtsstadt Tikrit nahmen die Amerikaner als letzte Bastion des bisherigen Regimes ins Visier. Sie bombardierten Ziele in und außerhalb der Stadt. Zuvor war auch die Erdölstadt Mosul im Norden gefallen. Der Widerstand regulärer irakischer Truppen sei fast völlig erlahmt, berichtete CNN. Spekulationen zufolge könnte es in Tikrit zu einem letzten größeren Gefecht mit Saddam-Getreuen kommen. Auch der entmachtete Saddam Hussein wird von einigen Militärexperten dort vermutet.

In Bagdad seien die Krankenhäuser nach Plünderungen geschlossen worden, Patienten seien geflüchtet oder sich selbst überlassen, teilte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) am Freitag in Genf mit. Steigende Temperaturen und eine immer schlechtere Versorgung mit Wasser und Strom erhöhten das Seuchenrisiko.

In Mosul plünderten bewaffnete Banden und einfache Bürger zu Hunderten alle staatlichen Gebäude, darunter den Präsidentenpalast und Krankenhäuser. Der arabische Sender El Dschasira zeigte Bilder von Menschen, die Möbel, Computer und sogar Busse vom Gelände der Universität Mosul stahlen. Andere zogen mit geraubten Rennpferden davon. In Bagdad entwendeten zwei Männer einen kompletten Operationstisch.

In der südirakischen Metropole Basra erschossen britische Soldaten nach Militärangaben fünf bewaffnete Bankräuber. Wie es seitens des britischen Militärs hieß, hätten die Soldaten zunächst gedacht, es handele sich um gewöhnliche Plünderer, die sich an einer Bank zu schaffen machten. Die Männer hätten jedoch mit Maschinenpistolen das Feuer auf die Patrouille eröffnet. Daraufhin habe die Einheit zurückgeschossen. Insgesamt normalisiere sich die Lage in Basra jedoch, teilte die britische Militärführung mit.

Britische und US-Truppen setzen nach Angaben der Regierung in London alles daran, angesichts der Plünderungen Recht und Ordnung im Irak wiederherzustellen. Trotz chaotischer Situationen nach dem Sturz des Regimes seien genügend britische Soldaten in der Region, um die ihnen gestellten Aufgaben zu erfüllen, verteidigte der britische Außenminister Jack Straw die bereits begonnene Truppenverringerung am Persischen Golf.

Diebesbanden auch im irakischen Nationalmuseum in Bagdad

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Neben Hotels und Regierungsgebäuden ist am Freitag auch das international renommierte Nationalmuseum in Bagdad das Ziel von Plünderern geworden. Der arabische Fernsehsender El Dschasira berichtete, dass Dutzende von Dieben Ausstellungsstücke aus Vitrinen gestohlen hätten.

Unklar ist, welchen Schaden die Raubzüge angerichtet haben. Kunstexperten hatten vor Kriegsbeginn bereits vermutet, dass die irakischen Kuratoren vor Beginn der Kampfhandlungen eine Räumung vorbereitet hatten.

Das Museum war erst seit einem Jahr wieder geöffnet. Es beherbergt die schönste Sammlung mesopotamischer Altertümer wie den 3500 Jahre alten geflügelten assyrischen Bullen sowie Statuen, Grabbeigaben, Keilschrifttafeln und Steinfresken. Bronzetiere, Ketten, Ringe und Geschmeide aus 15 Jahrhunderten waren in dem Museum zu bestaunen. Der Gebäudekomplex liegt gegenüber dem irakischen Fernsehen in der Bagdader Innenstadt. Hier hat auch die irakische Altertümerverwaltung ihren Sitz.

Angesichts der anarchischen Zustände in irakischen Städten forderte UN-Untergeneralsekretär Shashi Tharoor die Invasionstruppen auf, für Ordnung zu sorgen. "Nach dem Völkerrecht liegt die Verantwortung für den Schutz von Zivilisten in einer militärischen Auseinandersetzung bei den Krieg führenden Parteien", sagte er in einem am Freitag veröffentlichten Interview mit "Spiegel Online".

Saddams Halbbruder Barsan el Tikriti soll laut El Dschasira bei einem US-Angriff getötet worden sein. Die US-Luftwaffe hatte nach amerikanischen Militärangaben sechs Präzisionsbomben auf die Residenz Tikritis in Ar Ramadi rund 80 Kilometer westlich von Bagdad abgeworfen. Tikriti soll als früherer Geheimdienstchef für den Mord an mehreren tausend Menschen verantwortlich sein. Das US-Oberkommando veröffentlichte eine Liste mit 55 irakischen Führungspersonen, unter ihnen Saddam, derer man "tot oder lebendig" habhaft werden wolle. Viele von ihnen versuchten, aus dem Irak zu fliehen, sagte ein Sprecher.

US-Soldaten übernahmen die Sicherung des Grenzüberganges vom Irak nach Jordanien. El Dschasira zeigte am Freitag Aufnahmen, wie US- Soldaten ankommende Fahrzeuge mit Journalisten kontrollierten. Zuvor hatten Reisende berichtet, dass die irakischen Beamten die Abfertigungsbaracken am Grenzübergang zu Jordanien verlassen hätten und dass es auch dort zu Plünderungen gekommen sei.

An einem Straßenkontrollpunkt in der zentralirakischen Stadt Nasarija beschossen US-Soldaten nach Meldungen des britischen Senders BBC ein Zivilfahrzeug und töteten dabei zwei Kinder. Der Zwischenfall wurde von einem US-Sprecher bestätigt. Die Soldaten hätten an einen Selbstmordangriff geglaubt, weil der Autofahrer nicht angehalten habe.

Unterdessen treten die internationalen Bemühungen um eine Nachkriegsordnung für den Irak immer mehr in den Vordergrund. US- Vizeverteidigungsminister Paul Wolfowitz stellte dazu am Donnerstag (Ortszeit) vor einem Ausschuss des US-Senats einen Drei-Stufen-Plan vor.

Im Tauziehen um die künftige Rolle der Vereinten Nationen (UN) beim Wiederaufbau im Irak signalisierte die Bundesregierung Kompromissbereitschaft. Eine Vereinbarung müsse aber den "Stempel der Zustimmung" der UN tragen, hieß es am Freitag aus Diplomatenkreisen in Berlin. Verteidigungsminister Peter Struck schloss einen Einsatz der Nato im Irak nicht aus.

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