Hilfsorganisationen mangelt es an Geld und Ausstattung
Für Flüchtlingshilfe fehlen noch 30 Millionen Dollar

Die Uno schlägt Alarm: Sollte es in relativ kurzer Zeit zu einem Krieg kommen, sei die Lage in den Nachbarländern des Iraks sowie im Zweistromland selbst dramatisch. Der Grund sei, dass die Geberländer dringend benötigte Gelder für die Versorgung von Flüchtlingen zurückhielten.

KUWAIT-STADT. So lägen den Staaten nach Angaben eines Sprechers des Flüchtlingshilfswerks der Uno (UNHCR) teils bereits seit Herbst Anträge für die Ausstattung mit Hilfsgütern vor. Doch die Geberländer würden sich bislang weigern, darüber zu entscheiden. Von 60 Mill. $, die etwa UNHCR benötigt, stünden derzeit nur 30 Mill. $ bereit, sagte Enda Savage von UNHCR dem Handelsblatt. Die USA habe 15 Mill. $ bereitgestellt, 1,6 Mill. $ kämen aus Kanada, der Schweiz und Dänemark. Den Rest habe sich die UNHCR geliehen. Savage: "Mit der Hälfte des erforderlichen Betrages können wir aber nur die Hälfte der erwarteten Flüchtlinge versorgen."

Beobachter rechnen damit, dass im Kriegsfall mindestens 600 000 Iraker versuchen, in die Nachbarländer zu fliehen. Betroffen wären davon vor allem die Türkei, Iran und Jordanien sowie zu einem geringeren Teil Kuwait. In verschiedenen Camps sind entlang der irakischen Grenze bislang 32 000 t Nahrungsmittel eingelagert. Laut Antonia Paradela vom World Food Programme (WFP) reiche dies aus, um eine Million Menschen einen Monat lang zu versorgen - zu mehr nicht. Auch das WFP, das stets als eine der ersten die Versorgung in Krisenregionen übernimmt, klagt über eine massive Unterfinanzierung. Statt der nötigen 23,5 Mill. $ seien bisher nur 7,5 Mill. $ überwiesen worden.

Fast noch größere Sorgen bereitet den Hilfsorganisationen jedoch die Versorgung der Iraker im Land, wie auch den auf bis zu drei Millionen geschätzten Flüchtenden innerhalb des Iraks. Sollte der irakische Hafen am Golf, Umm Qasr, längere Zeit für die Schifffahrt unbenutzbar sein, ist unklar, auf welchem Weg Nahrungsmittel ins Land kommen sollen. 60 % der Lebensmittel, die über das Programm "Oil-For-Food" importiert werden, gelangen über Umm Qasr in den Irak. Ebenfalls rund 60 % der Iraker, rund 16 Millionen Menschen, leben seit Jahren von Lebensmittelrationen der Vereinten Nationen.

"Erst wenn der Krieg begonnen hat, werden die Hilfszusagen kommen", glaubt Savage. "Doch es wird allein zwei bis drei Wochen dauern, bis Decken da sind, die Lieferzeit für Zelte kann Monate dauern." Zwar könne man die Uno-Reserve in Kopenhagen anbrechen. Doch was geschehe, wenn es zeitgleich in Afrika zu einer Katastrophe komme?

Es häufen sich die Hinweise darauf, dass die Geberländer mit ihren Unterschriften zögern, weil sie nicht mit einem unpopulären Krieg in Zusammenhang gebracht werden wollen. Der Riss, der sich durch die Geberländer-Gruppe zieht, ist aber nicht auf diese beschränkt. So hatte etwa die Hilfsorganisation Oxfam, die bei humanitären Katastrophen unter anderem Infrastrukturleistungen erbringt, öffentlich erklärt, keine Gelder von Ländern anzunehmen, die am Krieg beteiligt sind. Da Oxfam einen Großteil seiner Mittel aus Großbritannien bekommt, scheidet die Organisation als Unterstützer quasi aus. "Die Verantwortung der Invasionstruppen wächst, je weniger andere mitmachen", sagt Paradela.

Zumindest in Kuwait ist auch der Informationsaustausch zwischen zivilen Helfern und dem Gegenpart auf der militärischen Seite nur rudimentär. "Vom Humanitarian Operation Center (HOC), in dem neben den Kuwaitis vor allem die US Army das Wort führt, erfahren wir kaum etwas", sagt Cassandra Nelson von den us-schottischen Mercy Corps. "Wir wissen nicht, wo die Flüchtlingscamps der Army sein werden, wie groß sie sind und auf welche Weise wir Zugang haben werden."

Kuwait übrigens, das Hauptaufmarschgebiet für die Invasionstruppen, hat für das erwartete Flüchtlingsproblem eine eigene Strategie entwickelt. So ist die 242 Kilometer lange Grenze zu Irak mit einem elektrischen Zaun gesichert. Auffanglager für Flüchtlinge - erwartet werden hier rund 50 000 - sollen erst nach Kriegsbeginn auf irakischem Gebiet errichtet werden.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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