Hillary Clinton
Historischen Moment verpasst, Chance vertan

Am morgigen Samstag soll endgültig Schluss sein mit Hillary Clintons Kandidatur. Die New Yorker Senatorin will Barack Obama offiziell ihre Unterstützung versichern und damit zur Einheit der Demokratischen Partei beitragen. So zumindest verlautet es aus dem Hillary-Camp. Doch was vor drei Tagen noch eine große Nachricht gewesen wäre, klingt inzwischen hohl und schal. Denn tatsächlich hat Hillary Clinton ihren historischen Moment längst grandios verpasst.

WASHINGTON. Der war am Dienstagabend nach Abschluss der Vorwahlen. Obama hatte da schon mehr als genügend Delegierte zusammen, doch Hillary fabulierte über sich, ihre Talente und ihre Siege. Eingestehen konnte sie weder ihre Niederlage noch fand sie die richtigen Worte an die Adresse Obamas.

Hillary-Berater signalisierten, dass die Senatorin noch Zeit zur Entscheidung benötige. Doch diese Erklärung lockte selbst stramme Clinton-Unterstützer aus der Reserve: "Wofür in aller Welt braucht sie jetzt noch zusätzlich Zeit?", fragte der Kongressabgeordnete Charles Rangel. Das demokratische Urgestein ereiferte sich: "Ich weiß nicht, was da für eine Intrige gespielt wird", zitiert ihn die "Washington Post".

Wie auch immer: Erstmals seit langem waren es jedenfalls nicht die Clintons, die in den vergangenen Tagen die Wege bei den Demokraten bestimmten. Parteigrößen wie Nancy Pelosi und Howard Dean forderten nur Stunden nach dem Wahlabend alle bislang ungebundenen Superdelegierten auf, sich bis Freitag zu erklären. Und als Hillary bei ihrem Auftritt vor der Israel-Lobby-Gruppe Aipac am Mittwochmorgen nur noch lauwarmen Beifall erhielt, musste wohl auch sie erkennen, wen die Zuhörer für wichtiger hielten: ihren Vorredner Barack Obama.

Dem war sie im Washingtoner Convention Center gerade auf dem Flur begegnet. 90 Sekunden, so Beobachter, habe das Gespräch zwischen den beiden gedauert. Dann gingen Obama und Hillary wieder ihre eigenen Wege. Man wolle sich in den nächsten Wochen zu einem längeren Gespräch zusammensetzen, hieß es hinterher. Ganz offensichtlich benötigen beide Lager etwas Zeit, um über Verwundungen und Verletzungen hinwegzukommen. Und um über die Zukunft - etwa eine Nominierung von Hillary Clinton als Vizepräsidentin - nachzudenken.

Nachdenken wird die frühere First Lady wohl zuallererst über die Fehler der letzten Monate - und so manchen Irrtum. Vor sechs Monaten als unvermeidliche Spitzenkandidatin gestartet, konnte sie sich einfach nicht vorstellen, am Ende nur als Zweite durchs Ziel zu gehen. Geschlagen von einem Aufsteiger, den vor ein paar Jahren noch kaum einer kannte.

Ebenfalls nicht vorgesehen war im Clinton-Drehbuch das Verhalten mancher Superdelegierter. Viele von ihnen waren gute Bekannte aus dem dichten Clinton-Netzwerk. Sie sollten als Feuerwand gegen den Pro-Obama-Trend stehen. Doch schwerer als die Loyalität zu den Clintons wog bei den meisten schließlich die Tatsache, dass Obama die Mehrheit der gewählten Delegierten auf seiner Seite hatte. Diese auf dem Parteitag in Denver zu überstimmen, war den meisten dann doch zu viel der Clinton-Solidarität.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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