Hillary Clintons Anhänger schieben Frust
Obama? Nein danke!

Barack Obama wählen? Das kommt für einige Demokraten partout nicht in Frage. "Obama ist ohne Substanz, ein leerer Anzug", schimpfen sie verbittert am Rande des Nominierungsparteitages. Sie wollen ihrer Favoritin Hillary Clinton die Treue halten. Das bedeutet für sie: dem Republikaner McCain zum Sieg verhelfen.

DENVER. Sie sind Demokraten, aber ein Republikaner könnte den "Hitjob" nicht besser machen. "Obama ist ohne Substanz, ein leerer Anzug", sprudelt die Bitterkeit von Wochen aus Linda Vessel nur so hervor. "Sie sagen zu uns: Kommt endlich drüber weg, akzeptiert, dass ihr verloren habt und unterstützt ihn".

Ihn, Barack Obama, der nach einem schier endlosen Vorwahlkampf im Juni knapp die Nominierung holte. Jetzt, zu seiner Krönungsfeier in Denver, entlädt sich bei den hartgesottenen Hillary-Wählern aller Frust. "Wir haben keine einige Partei mehr", sagt Linda, eine blonde, schmale Frau, zu der der kompromisslose Ton so gar nicht passen will. Und ungefragt setzt sie noch einen drauf: "Ich überlege mir sehr genau, ob ich nicht für John McCain stimmen soll."

Versammelt haben sich die Aktivisten, die sich unter dem praktisch unübersetzbaren Kürzel PUMA ("Party Unity My Ass") organisieren, am Vorabend des Parteitages in einer ehemaligen Garage irgendwo am Stadtrand von Denver. Sie tragen weiße Hillary-T-Shirts und Hillary-Buttons. Der Höhepunkt des Abends ist die Erstaufführung eines Films von Darragh Murphy. Die 39-Jährige Regisseurin hat ihre Enttäuschung über Hillarys geplatzten Traum in eine 40-minütige Dokumentation gepackt. Jedes mal wenn in dem Wackelvideo Menschen zu Wort kommen, die kein gutes Haar an Obama und seinen Methoden lassen, applaudiert der Saal.

Barack Obama ein klares Feindbild

Wer zu PUMA gehört, der glaubt eben auch daran, dass Obama die Wahl auf dubiose Weise an sich gerissen hat. Im Raum stehen Manipulationen bei den Stimmenauszählungen, Einschüchterung von Hillary-Wählern, Verschiebung der Delegierten aus Florida und Michigan zu seinen Gunsten. An diesem Ort und an diesem Tag ist Barack Obama ein klares Feindbild. Hundert Mal mehr als John McCain.

Demokraten, die für John McCain stimmen: Das ist der Alptraum, der diese Partei seit Wochen so sehr umtreibt. Weil keiner weiß, wie ernst es den enttäuschten Clinton-Fans damit wirklich ist. Wie vielen tatsächlich die Solidarität mit Hillary Clinton und der Sache der Frauen wichtiger ist, als nach acht Jahren wieder einen Demokraten ins Weiße Haus zu befördern. Dieser Unsicherheitsfaktor treibt am Dienstagabend auch Hillary in die Enge als sie ihre mit Spannung erwartete Parteitagsrede hält. Denn Hillary Clinton mag zwar auch selbst noch immer mit Barack Obama, dessen Sieg und vor allem: ihrer Niederlage hadern. Nur möchte sie noch weniger als Königsmörderin gelten und die Schuld dafür bekommen, sollte Obama gegen McCain scheitern.

Also tut sie am Dienstagabend im Pepsi-Center alles, um ihre Anhänger auf Barack Obama einzuschwören - und zwar von Anfang an. Keine zehn Sekunden braucht Hillary, um den entscheidenden Satz zu sagen: "Ich bin ein stolzer Unterstützer von Barack Obama". Und nur ein paar Atemzüge weiter macht sie die Sorgen, Zweifel und Befürchtungen, die den Parteitag begleiten, zum Thema. "Ob Ihr für mich oder für Barack Obama gestimmt habt, es ist nun an der Zeit, dass sich die Partei eint und für das eine Ziel arbeitet." Es ist der Moment wo die Plakatschilder mit der Aufschrift Unity, Einheit, in die Höhe schnellen. Und wer es bis dahin nicht gewusst hat, der merkt jetzt, um was es in Denver ganz eigentlich geht. Um nicht weniger als Geschlossenheit vor den Wahlen am 4. November.

Viel wurde im Vorfeld darüber spekuliert, ob Hillary zur großen Geste fähig sein, ob sie Obama nur formal ihren Segen erteilen würde oder ob dies doch mit zumindest etwas Leidenschaft geschähe. Doch am Ende der zweiten Parteitagsnacht in Denver sagt sie das Richtige und sie sagt es so, dass man es ehrlich glauben kann. Sie lobt sogar ausdrücklich Michelle Obama, die eine wunderbare First Lady werde. Und immer wieder aber führt sie den Delegierten vor Augen, was die Konsequenzen einer Abkehr vom demokratischen Ticket wären: Ein Präsident John McCain. Das ist auch das Argument, das bei vielen Zweiflern sticht und auf das auch die Obama-Kampagne als letzte Rückfallposition baut.

Greg Craig, einer der wichtigsten sicherheitspolitischen Berater von Obama, hatte sich tags zuvor schon diese Theorie zurechtgelegt. Als er zur Solidarität der Hillary-Gefolgschaft gefragt wird sagt er mit Hinweis auf McCain: "Ich habe wenig Sorge, dass Clinton-Wähler nicht das Ticket Obama/Biden unterstützen". Doch dann lenkt er schnell ab. "Es gibt so viel Begeisterung über die Nominierung von Joe Biden zum möglichen Vizepräsidenten". Als ob ausgerechnet der 65-Jährige Biden die Hillary-Wähler versöhnen könnte. Biden, der jetzt auch noch auf Hillarys Platz als Vize sitzt. Doch kurz vor der grandiosen Dankesrede, die Obama vor 75 000 Zuschauern heute Abend in Denver halten wird, soll das ungute Thema kurz gehalten werden. Der Obama-Kampagne schwillt ohnehin schon der Kamm, wenn sie mit ansehen muss, wie John McCain mit einem Werbespot nach dem anderen die Spannungen im demokratischen Lager ausnutzt.

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